Sparen an der FHNW ist Aufgabe der Politik
03.02.12 - 09:55 / Autor: HdW
Wenn die FHNW ihre Ausgaben senken soll, muss sie ihren Leistungsumfang nach unten korrigieren – im Auftrag der Trägerkantone, sagt Direktionspräsident Crispino Bergamaschi im Gespräch mit Landrat Christoph Buser.

Crispino Bergamaschi, Direktionspräsident der HNW leistete auf Einladung von Christoph Buser Aufklärungsarbeit in Sachen Finanzen, Leistungsauftrag und Sachzwänge. BILD: CH |  |
Den Anstoss für die Einladung zum Gespräch zwischen Christoph Buser, Landrat und Bereichsleiter KMU-Förderung, und Crispino Bergamaschi, Direktionspräsident der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), hat die Diskussion im Landrat ums Globalbudget für die Hochschule gegeben. Im Haus der Wirtschaft, aber auch in politischen Kreisen ist vermehrt Kritik an der FHNW zu hören, die Akzeptanz für die Hochschule geht zurück. Gleichzeitig steht die Wirtschaftskammer Baselland hinter der Institution FHNW als wichtiger Träger unseres dualen Bildungssystems. Die Wirtschaftskammer nimmt die Kritik ernst und hofft, dass die FHNW zusammen mit der Wirtschaft und der Politik die Weichen für die Zukunft richtig stellen kann.
Christoph Buser:Herr Bergamaschi, blenden wir einige Wochen zurück – zur Diskussion zum erhöhten Globalbudget 2012 bis 2014 im Baselbieter Landrat. Wie haben Sie die Diskussion im Parlament und das knappe Nein erlebt?
Crispino Bergamaschi: Ich war in erster Linie überrascht. Ich habe festgestellt, dass der Informationsstand nicht dort ist, wo ich dachte, er sei es. Aufgrund der Debatte im Landrat wurde mir bewusst, dass da noch viel Informationsarbeit zu leisten ist.
Diese Gelegenheit möchten wir Ihnen mit diesem Gespräch geben.
... wofür ich mich bedanke. Ich hole etwas aus: Die Eidgenossenschaft hat 1995 entschieden, Fachhochschulen zu gründen: Das eidgenössische Fachhochschulgesetz gibt vor, dass neben den klassischen Bereichen (Technik und Wirtschaft) auch Angewandte Psychologie, Soziale Arbeit, Gestaltung, Kunst sowie Musik integriert werden. Die vier Träger der FHNW haben zudem beschlossen, die Pädagogische Hochschule zu integrieren. Mit dem Staatsvertrag haben vier Kantone ja gesagt zu neun Fachbereichen mit neun Hochschulen von wichtiger gesellschaftlicher Relevanz. Es existiert keine Wertung, welche Bereiche wichtiger oder weniger wichtig sind. Den Leistungsauftrag erteilen die vier beteiligten Kantone.
In der Landratsdebatte wurde ein gewisses Missfallen deutlich, dass die «zusätzlichen» Bereiche inzwischen gleich gross, wenn nicht grösser geworden sind, als das einstige «Tech».
Das hat einerseits mit unserem Auftrag zu tun und andererseits mit der Nachfrage. Im Bereich Pädagogik ist der Partner die öffentlich-rechtliche Seite. Der braucht Lehrkräfte und hat uns Wachstum verordnet. In den Bereichen Musik, Kunst und Soziales übersteigt die Nachfrage das von uns eingefrorene Angebot bei weitem. Wir haben einen Numerus clausus eingeführt. Wer beispielsweise an der Musikhochschule aufgenommen wird, kann das als Kompliment auffassen. Wachsen möchten wir in den technischen Sparten und in der Wirtschaft. Wir wissen, dass die Wirtschaft Fachkräfte braucht. So geben wir im Bereich Life Science alles, und wir wollen die besten Leute für uns gewinnen. Die Bildungssystematik setzt uns allerdings Grenzen: Zugang hat man in diesen Bereichen nur mit einschlägiger Berufslehre und Berufsmatura. Wir haben demnach nur so viel Potenzial, wie die Firmen Lernende mit Berufsmatura ausbilden.
Mit anderen Worten: Es gibt zu wenig Lehrlinge.
Richtig. Wenn wir mehr Lehrlinge mit Berufsmatura hätten – es könnten alle kommen. Unsere Türen stehen ihnen für die entsprechenden Studiengänge offen. An der Fachhochschule öffnet aber nur die «richtige» Berufsmatura die Tür zum Studium – Wir nehmen keinen Floristen mit Berufsmatura für ein Life-Science-Studium.
Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, um der Wirtschaft noch mehr Führungskräfte mit Berufserfahrung zur Verfügung stellen zu können?
Wir müssen unser Einzugsgebiet erweitern. Wir wollen unsere Hochschule attraktiver machen für Studierende von ausserhalb. Wer in Bern oder Luzern eine Lehre im Bereich Life Science gemacht hat, soll sagen: «Fürs Studium ist Muttenz die erste Wahl.»
Wen bearbeiten Sie dafür? Die Wirtschaft?
Die Kräfte der Berufsbildung sind hier vor allem am Werk. Der Berufsmaturitätsanteil steigt – speziell im kaufmännischen Bereich. Und von den Berufsmaturanden geht derzeit rund die Hälfte an die Fachhochschule. Auch hier steigt der Anteil – was in unserem Interesse ist. Wir wollen junge Berufsleute zu uns holen.
Der Baselbieter Landrat hat kritisiert, dass die FH Master-Studiengänge anbietet, die bereits von Universitäten abgedeckt werden. Sollte es Parallelen geben, liege dort ein gewisses Sparpotenzial. Sehen Sie denn überhaupt keine Doppelspurigkeiten?
Für sehr viele Studiengänge gibt es gar kein universitäres Pendant, wie zum Beispiel in den Bereichen Gestaltung & Kunst sowie Musik. Für Lehrkräfte auf Primarstufe und Sekundarstufe I als weiteres Beispiel gibt es nur den Fachhochschul-Weg. Mit dem Bachelor ist man im Kindergarten und in der Primarschule unterrichtsberechtigt. Auf Sekundarschule 1 braucht es einen Master, den man nur bei uns erwerben kann. Die Minderheit unserer Masterstudiengänge hat ein «Pendant» auf universitärer Stufe. Und wo dies der Fall ist, ist unser Angebot keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Ein hervorragendes Beispiel ist die Architekturausbildung: Wir haben hier grossmehrheitlich Hochbauzeichner und nicht Maturanden. Die starten aneinem ganz anderen Ort zur Bachelor-Ausbildung, und sie haben nach dem Studium ein ganz anderes Profil als die Absolventen der Architektur-Ausbildung an der ETH. Die ETH bildet Architekten im grossen Entwurf oder im Design aus. Unsere Idee ist eine Ergänzung, komplementär zur ETH-Ausbildung. Wir bringen Leute hervor, die das Handwerk beherrschen, den konstruktiven Teil umsetzen können, die wissen, wie es auf der Baustelle läuft und die auch den «grossen Entwurf» verstehen. Ein weiteres Beispiel: Angewandte Psychologie. Unser Studiengang lehrt Arbeitspsychologie im Gegensatz zur klinischen Psychologie, wie sie an der Universität gelehrt wird.
Es gibt sicher auch Uni-Abgänger, die im gleichen Arbeitsfeld tätig sind wie die FH-Arbeitspsychologen.
Das schliesse ich nicht aus. Aber es spielt für die Arbeitgeber eine immer wichtigere Rolle, wo die Bewerber ausgebildet worden sind.
Wie gut werden Ihre komplementären Masterstudiengänge nachgefragt?
Sehr gut. In einzelnen Bereichen haben wir sogar Zulassungsbeschränkungen.
Ich kann Ihnen versichern, dass die von Ihnen dargelegten Informationen an der Basis so nicht angekommen sind: Im Landrat macht sich in Anbetracht der steigenden Kosten der FHNW ein Gefühl zwischen Ohnmacht und Unwissen breit, darüber, wie man Einfluss nehmen könnte, um den Kostenzuwachs zu bremsen. Und der erweiterte Pädagogik-Auftrag zur Sicherung des Lehrkräfte-Nachwuchses ist wohl von den Wenigsten mit der Fachhochschule in Verbindung gebracht worden. Dieser Aufgabe müssen Sie sich zusammen mit den Bildungsdirektoren annehmen – gleichzeitig mit dem Landratsbeschluss, wonach die FHNW bis Ende dieses Jahres aufzeigen soll, wie sie in der nächsten Budgetperiode (2015 bis 2017) den Kostenanstieg bremsen will. Was in der Wirtschaft trotz aller Erklärungsversuche kaum verstanden werden dürfte, sind die gross dimensionierten Angebote in Psychologie, Kunst oder Musik. Die Wirtschaft sieht die Ausbildung in diesen Bereichen nicht als ihre Aufgabe – wird aber dennoch zum bedingungslosen Support der Fachhochschule aufgerufen. Aber zurück zum eigentlichen Thema: Wo kann die FHNW sparen?
Der Landratsbeschluss samt Zusatz liegt zurzeit beim Baselbieter Regierungsrungsrat. Wir erhalten unsere Aufträge vom Regierungsratsausschuss der vier Trägerkantone. Bis jetzt gibt es von unserer vorgesetzten Behörde aber noch keinen Sparauftrag. Wir haben bisher auch nichts unternommen.
Wo orten Sie Potenzial?
Im Moment kann ich dazu nur so viel sagen: Das nun von allen vier Trägerkantonen abgesegnete Budget wurde hart verhandelt und mehrmals durchgekämmt.
Mit der Gründung der FHNW verbunden war die Hoffnung auf Synergieeffekte. Und damit auf tiefere Verwaltungskosten. Viele Parlamentarier sind der Meinung, dies sei nicht der Fall; Ihr Verwaltungsapparat sei sogar aufgebläht. Wie stark sind Ihre Verwaltungsausgaben tatsächlich gewachsen?
Wer unternehmerisch denkt, versucht die Kosten des nicht produktiven Teils möglichst tief zu halten. Deshalb stellen wir uns diese Frage selber immer wieder. Gemäss Auswertungen des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie liegen wir mit den Administrationskosten klar unter dem Durchschnitt. So lange das der Fall ist, steht bei mir die entsprechende Signallampe schon mal nicht auf Rot. Ob man an den Kosten nicht immer wieder arbeiten kann, das ist eine andere Frage. Ich nehme die Kritik ernst. Ich verlange aber auch, dass die Kritiker mit einer serösen Referenzgrösse – also den Zahlen der anderen Fachhochschulen – operieren. Und in diesem Vergleich stehen wir hervorragend da.
Wer bestimmt über das Studienangebot an der Fachhochschule?
Konzeptioniert werden die Bachelor- und Masterstudiengänge von uns, Bewilligungsinstanz ist einerseits das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement, zusätzlich müssen die Lehrgänge von einem international besetzten Gremium akkreditiert werden. Das EVD wünscht explizit eine Differenzierung der Angebote, und es hat auch schon Studiengängen, die anderen zu ähnlich waren, die Bewilligung verwehrt.
Wie sieht die Entwicklungsstrategie der FHNW aus?
Im Bereich Pädagogik haben wir von den Trägern einen klaren Wachstumsauftrag. Im Bereich Technik/Wirtschaft versuchen wir mit attraktiven neuen Angeboten auf den Markt zu gehen. Sehr gut gestartet ist zum Beispiel im vergangenen Herbst unser neuer Studiengang Umwelt- und Energietechnik. Wir versuchen die Wünsche der Wirtschaft aufzunehmen und mit attraktiven Angeboten auf den Markt zu gehen. Im Bereich Technik werden wir ab kommendem Herbst verstärkt berufsbegleitende Lehrgänge anbieten. Es ist ein Bedürfnis der Wirtschaft, dass gute Arbeitskräfte im Wertschöpfungsprozess bleiben und gleichzeitig eine höhere Bildung erwerben können. Wir haben interessante, pfiffige Angebote, die uns erlauben, Stück für Stück weiterzukommen.
Aber eine erweiterte Angebotspalette wird doch für weiteres Kostenwachstum sorgen?
Bedingt. Für das Angebot steht nicht signifikant mehr Geld zur Verfügung. Der Leistungsauftrag 2012 bis 2014 sieht lediglich ein moderates Wachstum vor. Die Kostentreiber heissen Gehälter und Mieten: Die Personalkosten machen 70 Prozent unserer Ausgaben aus. Schon eine bescheidene Lohnrunde – die sich übrigens im Rahmen des gewährten Erfahrungsstufenanstiegs in Baselland bewegt findet einen entsprechenden Niederschlag im Globalbudget. Was die Mieten angeht, so freue ich mich, dass die Kantone beschlossen haben, vier Campusse zu realisieren. Im Gegenzug werden rund 100 Mietverhältnisse gekündigt. Die Kehrseite: Die neuen Vermieter, die Kantone, haben eine Rendite von 6 Prozent ausgehandelt – das ist auf eine Mietdauer von 30 Jahren gesehen ein stattlicher Ertrag. Daraus ergibt sich die Situation, dass die Bildungsdirektionen der Kantone der FHNW Geld geben, das die Baudirektionen der Kantone als Bauherren wieder eintreiben. Mit dem erhöhten Globalbudget 2012 bis 2014 haben wir also Folgendes verlangt: Geld fürs Erbringen des Leistungsumfangs mit einem bescheidenen Angebotsausbau, Geld für Raum, Geld für Personal. Wir machen daraus das Beste, und wir versuchen möglichst viele talentierte Studierende an die FHNW zu holen und die Studienplätze zu füllen.
Sie haben die Lohnkosten erwähnt: Während der Landratsdebatte wurde die Kritik an der FHNW laut, dass sie mit Professuren um sich werfe. Die Dozentinnen und Dozenten würden zu rasch zu hoch entlöhnt.
Darüber, wie die Ernennung von Professoren vor dem Zusammenschluss zur FHNW gehandhabt worden ist, kann ich mich nicht äussern. Es galt der Besitzstand; niemandem wurde ein Titel aberkannt. Heute haben wir für Professuren einen extrem seriösen und hochwertigen Evaluationsprozess. Die Professorengehälter sind gut, jedoch im nationalen Vergleich moderat.
Wer macht aus Dozenten Professoren?
Beantragt wird die Stelle vom entsprechenden Direktor resp. Direktorin, eine Evaluationskommission u.a. mit externen Fachpersonen prüft die Bewerbungen und stellt einen Wahlantrag, die Ernennung erfolgt durch mich. Ich habe übrigens beschlossen, dass jede Professur öffentlich ausgeschrieben wird. Es können sich ebenso Externe wie Mitarbeitende der FHNW um die Professorenstellen bewerben.
Von wie vielen neuen Professuren im Jahr reden wir?
Um die 50. Die grosse Zahl relativiert sich beim Blick auf rund 1229 Dozierende (766 Stellen) schon bezüglich der ordentlichen Pensionierungen.
Den Gürtel spürbar enger zu schnallen wäre demnach an einen Leistungsabbau gekoppelt. Wer müsste entscheiden, dass beispielsweise die Bereiche Kunst, Musik oder Psychologie halbiert werden?
Das wäre Sache der Politik. Die Regierungen und Parlamente der Partnerkantone, wobei alle Kantone für eine Anpassung des Leistungsauftrags zum selben Entschluss kommen müssten.
weiterführende Themen:
FHNW: Kritik ernst nehmen! - 02-02-12 17:36
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