Es war ein Jahr der Mogelpackungen.
17.12.08 - 01:33 /
Das Jahr 2008 wird in der künftigen Geschichtsschreibung sicher so «unvergesslich» bleiben wie die Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Grund genug, am Ende dieses verrückten Jahres einen gedanklichen Marschhalt einzulegen und zu versuchen, das, was seit dem Spätsommer auf uns einprasselt, einigermassen «auf die Reihe zu kriegen». Wirtschaftskammer-Direktor und Nationalrat Hans Rudolf Gysin wagt diesen nicht einfachen Rückblick in einem Interview:

Hans Rudolf Gysin: «Wir legen zu viel Wert auf Verpackung statt auf Inhalte.» |  |
Standpunkt: Hans Rudolf Gysin, wenn Sie das vergangene Jahr mit einem möglichst kurzen Begriff charakterisieren, was kommt Ihnen dabei spontan in den Sinn? Hans Rudolf Gysin: So kurz wie möglich gesagt: «Viel Verpackung – wenig Inhalt», aber auch «Mogelpackung» oder «das Jahr der Verpackungskünstler».
Wie meinen Sie das? Sehen Sie: Ganz generell gibt man in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft immer weniger auf Inhalte, Sachkompetenz und Leistung, aber legt dafür umso mehr Wert auf eine trendige, moralisch-kuschelige und sogenannt «sozialkompetente» Verpackung. Nicht was man sagt, sondern wie man es sagt, ist zum alles entscheidenden Massstab geworden. Auch heisst es heute: «Der Weg ist das Ziel» – ungeachtet, wo man landet und wie oft man sich dabei in aller Unverbindlichkeit orientierungslos im Kreise dreht.
Haben Sie dafür auch konkrete Beispiele? Es gibt in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik unzählige Beispiele dieser seltsamen Haltung. Gesellschaftlich gesehen ist es doch beispielsweise immer wichtiger, welche Marke man als Konsument – unter anderem bei der Bekleidung – berücksichtigt. Hauptsache, sie ist grad im Trend und kostet viel, damit man statusgierig demonstrieren kann: Man hat «es». Dabei spielt das Preis-Leistungs-Verhältnis kaum mehr eine Rolle oder auch die Frage, ob ein solches Produkt auch tatsächlich ein Problem löst oder ein echtes Bedürfnis abdeckt. Bedenklich finde ich, dass diese Haltung immer mehr auch bei unserer Jugend grassiert und ihr damit für die Zukunft ein völlig falsches Wertedenken vermittelt. Die richtige Marke – die Verpackung – ist entscheidend und nicht der Inhalt wie Qualitäts- und Leistungsdenken, beispielsweise im Beruf.
Was hat das mit der Wirtschaft zu tun, die Sie vorhin ebenfalls in diesen Verpackungsvergleich einbezogen haben? Sehr viel! Ich bin mir sicher, diese wachsende Sucht nach Verpackung – besser gesagt: Mogelpackung – hat den Weg in das aktuelle Finanzmarkt- und Wirtschaftskrisen-Schlamassel geebnet. Es ist doch unglaublich, dass man in den USA – auch und gerade durch renommierte Schweizer Finanzinstitute – während Jahren in letztlich völlig wertlose Immobilien investiert hat, obwohl man dabei – zumindest im Hinterkopf – gewusst hat, dass diese wachsende Blase unweigerlich einmal platzen wird. Auf der anderen Seite hat man sich auf dem Finanzmarkt immer wieder schwergetan, innovative und damit zukunftssichere Unternehmen nach ihrem wirklichen Wert zu beurteilen und darin zu investieren. Vor allem ärgert mich diese Haltung im Hinblick auf unzählige KMU, die sich bei ihrem Kreditgeber auch schon für vergleichsweise bescheidene Beträge, jedoch für gute, wertvolle Ideen und Konzepte, bis auf die Unterwäsche ausziehen mussten, um ihnen dann mit der Ablehnung eines Kredites zu vermelden, das Risiko sei halt zu hoch. Unglaublich angesichts des Milliardenrisikos, welches Banken «von Welt» mit ihren virtuell hochgejubelten «Unwertpapieren» in den USA eingegangen sind.
Wie sehen Sie es, dass sich solche Mechanismen und die sich daraus ergebenden Krisen regelmässig wiederholen? Da wären wir ja wieder beim Thema Verpackung bzw. vergoldete Mogelpackung. Die Aussicht auf den schnellen Franken ohne Arbeit bzw. Leistung genügt offenbar, den gesunden Menschenverstand auszuschalten und gar nicht mehr auf den Inhalt – also den wirklichen Wert – zu achten. Mit dieser Mentalität waren und sind die ominösen «Blasen» – Immobilienblase, Dot-com-Blase, Kreditblase – doch unvermeidlich. Ich habe mittlerweile den Eindruck, vor allem die weltweite Finanzwirtschaft leide an wiederholten Erinnerungsverlusten und in der Folge an einer chronischen «Blasenentzündung», die immer wieder ausbricht.
Sie haben vorhin auch die Politik zu den Verpackungskünstlern gezählt. Wie meint das der langjährige Politiker Hans Rudolf Gysin? (Lacht) Die ganz aktuell stattgefundene Wahl von Bundesrat Ueli Maurer beispielsweise war doch eine reine Verpackungsdiskussion von Verpackungskünstlern. Um es vorwegzunehmen: Angesichts der grossen Probleme, die im neuen Jahr auf uns alle zukommen, bin ich nachgerade erleichtert, dass die SVP jetzt wieder in unsere Landesregierung eingebunden ist. Gerade jetzt brauchen wir doch eine starke, einigermassen zielorientierte Landesregierung, in der alle Interessen und Meinungen – gerade der wählerstärksten Partei – aktiv vertreten sind. Ich hoffe aber auch, dass sich jetzt die «Classe politique» nicht mehr täglich den Mund über jeden Aufstosser von Christoph Blocher zerreissen muss, der dann von den Tagesmedien endlos breitgetreten wird – als ob wir keine anderen Probleme hätten.
Weichen Sie mir jetzt aus zum Thema Verpackung? Nein – im Gegenteil: Sie wissen doch selbst, wie sehr sich die Bundespolitik in den letzten 12 Monaten – seit der Abwahl von Christoph Blocher – in Personalfragen fast nur noch um den eigenen Fuss gedreht hat. Ich habs eben gesagt: Als ob wir in unserem Land keine anderen und vor alllem nicht viel wichtigere Probleme zu lösen gehabt hätten und haben. Das Erstaunlichste dabei war aus meiner Sicht, dass bei diesen Personaldiskussionen vorwiegend nur Stilfragen – also die Verpackung – und weniger Sach- bzw. Kompetenzfragen – also Inhalte – für heisse Köpfe gesorgt haben und dabei der Stil geradezu moralinsauer zum Mass aller Dinge hochstilisiert worden ist. Das war im Umfeld des Abwahl-Coups von Christoph Blocher so und das hat sich auch im Vorfeld der Wahl von Ueli Maurer manifestiert. Plötzlich war es alles entscheidend, wer im politischen Schlachtgetümmel was und vor allem wie gesagt hat, welche Tabubegriffe der politischen Gegenseite dennoch verwendet und welche Animositäten-Schlipse dabei getreten wurden. Ausserdem: Vor der Wahl von Maurer wurde schliesslich aus der bisherigen arithmetischen Konkordanz, wie sie in der Schweiz – zum Beispiel punkto Sprachregionen- und Kantonsvertretung – intensiv gepflegt wurde, plötzlich eine inhaltliche Konkordanz gefordert, was ja in sich ein Widerspruch ist.
Ein Widerspruch? Wie meinen Sie das? Ganz einfach: Es kann doch nicht der Sinn unserer Konkordanz sein, eine Exekutive zu bestellen, die sich in den politischen Fragen und Positionen von Anfang an quasi einig ist und dazu einen Schmusekurs pflegt. Das bringen nicht einmal parlamentarische Demokratien mit Regierung und Opposition – wie etwa in Deutschland – zustande. Es geht doch bei uns im Bundesrat darum, die wichtigen politische Kräfte und Strömungen zusammenzuführen, Problemlösungen hoffentlich kontrovers zu diskutieren und ganz demokratisch eine Mehrheit zu finden, dann aber diese Mehrheitshaltung gemäss Kollegialitätsprinzip «mit einer Stimme» nach aussen zu vertreten.
Aber ist es denn nicht verständlich, dass die politische Gegenseite der SVP sich keinen Bundesrsatskandidaten aufzwingen lassen wollte? Danke für diesen Steilpass: Gerade die Linke hat bei Ueli Maurer in heiliger Empörung den aktuellen Kandidatenvorschlag kritisiert und als «Diktat» der SVP apostrophiert. Die SP hat dabei aber hübsch unter den Teppich gewischt, dass der damals von der Vereinigten Bundesversammlung klar gewählte Francis Matthey von seiner Partei diktatorisch «genötigt» wurde, der unerbittlichen SP-Doktrin zu folgen und zugunsten von Ruth Dreifuss auf das Amt zu verzichten. Ich bin übrigens sehr gespannt, ob und wie zum Beispiel die SP bei den absehbaren Ersatzwahlen ihrer eigenen Bundesratsmitglieder dann an sich selbst die gleichen «moralischen» Anforderungen stellt, wie sie dies gegenüber der SVP bei der aktuellen Wahl im Stile einer Zeltmissionarin praktiziert und sich damit zur Verpackungskünstlerin des Jahres profiliert hat. Mir ist klar: Es ging nicht um die plakatierten moralinsauren Anforderungen an Maurer, sondern ganz banal um Machtfragen und um die Doktrin, die SVP als wählerstärkste Partei – konkordanzschädigend – zu schwächen. Für dieses Ziel ist jede Taktik und jede Verpackung richtig, auch wenns eine Mogelpackung ist.
Zum Schluss: Wie lautet Ihr Fazit zum verrückten Jahr 2008, vor allem aber, was ist fürs neue Jahr zu tun? Ich bleibe bei meinem Bild der Verpackung: Es war ein Jahr mit zu viel Verpackung und zu wenig Inhalt. Das heisst: ein Jahr, in dem die eigentlichen Werte in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik oft fahrlässig und destruktiv zugunsten von «Luftheulern» vernachlässigt worden sind. Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise ist der «Erfolg» dieser verdrehten Einstellung gegenüber wirklichen Werten. Und daraus folgert auch meine Empfehlung fürs neue Jahr: Wir müssen diese Werte wieder erkennen und pflegen. Dazu gehört unter anderem die Innovationskraft, das Qualitätsdenken und das Engagement, das unsere Wirtschaft – allen voran unsere KMU-Wirtschaft – hat und bietet. Wenn wir darauf setzen, werden wir das schwierige neue Jahr zweifellos meistern; ja, ich behaupte sogar: an dieser Herausforderung wachsen. Interview: ebo.
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