Wirtschaftskammer Baselland - Keine Aufbruchstimmung nach der EU-Erweiterung
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Keine Aufbruchstimmung nach der EU-Erweiterung
14.06.06 - 08:00 / Autor: Thomas Schaumberg, Jurist (Univ.)

Liestal - Von der EU-Erweiterung ab Mai 2004 versprach sich die Schweizer Wirtschaft deutliche Impulse für die Wachstumsdynamik in der Schweiz. Haben sich diese Erwartungen zwei Jahre später bereits erfüllt? Eine breit angelegte Umfrage kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Mehrheit der Unternehmen hat immer noch keine Geschäftsaktivitäten mit den neuen EU-Ländern aufgenommen.


Ernüchternde Bilanz: noch immer hat die Mehrheit der Schweizer Unternehmen keine Geschäftsaktivitäten mit den neuen EU-Ländern aufgenommen.

Ernüchternde Bilanz: noch immer hat die Mehrheit der Schweizer Unternehmen keine Geschäftsaktivitäten mit den neuen EU-Ländern aufgenommen.

Die EU-Erweiterung vom 1. Mai 2004 hat die im Vorfeld gehegten grossen Erwartungen, dass dieser Integrationsprozess die Schweizer Wirtschaft beflügeln würde, nicht erfüllt. Zu diesem Schluss kommt eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des der OSEC angegliederten «Euro Info Center Schweiz» unter Mitwirkung des KMU-Instituts der Universität St. Gallen und von sieben kantonalen Gewerbe- und Handelskammern – darunter auch die Wirtschaftskammer Baselland.

Uneinheitliches Bild
Vor der Erweiterung unterhielten rund 30 Prozent der befragten Unternehmen Geschäftsbeziehungen mit den Beitrittsländern. Dabei sind laut Umfrage die Export- und Import-Aktivitäten deutlich häufiger anzutreffen als Produktionsaktivitäten. Rund 20 Prozent der Unternehmen exportieren in die neuen Mitgliedsländer, während 12 Prozent von dort Güter und Dienstleistungen importieren. Lediglich vier Prozent der befragten Betriebe, die schon vor der Erweiterung in den entsprechenden Ländern tätig waren, haben vor Ort investiert oder produziert.

Aus der Umfrage geht hervor, dass sich der Anteil der Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen zu den neuen Mitgliedsländern nach der EU-Erweiterung geringfügig um 2,4 Prozent erhöhte. Insgesamt stehen rund 18 Prozent der befragten Unternehmen der Erweiterung positiv gegenüber, knapp sechs Prozent dagegen beurteilen deren Konsequenzen als negativ.

Nach Wirtschaftsbranchen aufgeteilt, ist ersichtlich, dass hauptsächlich Unternehmen, die im Grosshandel sowie im Investitions- und Konsumgüterbereich tätig sind, die EU-Erweiterung positiv beurteilen. Unternehmen des Einzelhandels und aus dem Bereich der Dienstleistungen stehen der Erweiterung kritischer gegenüber. Ausserdem stellen die Autoren der Umfrage fest, dass grosse und mittlere Unternehmen sowie Unternehmen, die bereits in den neuen EU-Mitgliedsländern aktiv sind, die Erweiterung positiver einschätzen als kleine Unternehmen bzw. Unternehmen, die noch nicht in diesen Markt expandiert haben.

Vor- und Nachteile der EU-Erweiterung
Als häufigste Vorteile werden von den befragten Unternehmen der Wegfall von Handelsbeschränkungen, die Vereinheitlichung von Normen und Standards sowie die höhere Rechtssicherheit bzw. Rechtsangleichung genannt. Diese Vorteile werden vor allem von den Unternehmen erkannt, die bereits in den neuen Mitgliedsländern aktiv sind. Als Hauptnachteil wird der steigende Wettbewerbs- bzw. Preisdruck in der Schweiz gesehen.

Bereits vor dem 1. Mai 2004 aktive Unternehmen sehen zusätzlich den steigenden Wettbewerbsdruck und die steigenden Kosten in den neuen Mitgliedsländern als Nachteil. Dennoch sagen deutlich mehr als die Hälfte aller befragten Unternehmen aus, dass keine besonderen Nachteile aus der EU-Erweiterung für ihr Unternehmen entstanden sind.

Chancen nicht genutzt?
Hat die Schweiz die aus der EU-Osterweiterung entstehenden Möglichkeiten genutzt oder besteht noch Nachholbedarf? Ein Blick auf die Nachbarländer Österreich und Deutschland zeigt, dass die Schweiz noch enorme Anstrengungen unternehmen muss, will sie im Aussenhandel mit den neuen Mitgliedsstaaten nicht weiter zurückfallen.

So gingen im Jahr 2005 beispielsweise 12,5 Prozent aller österreichischen Ausfuhren in die neuen Mitgliedsstaaten, in Deutschland waren es immerhin 8,6 Prozent aller Exporte. Die Schweiz exportierte letztes Jahr lediglich drei Prozent (4,7 Milliarden CHF) der Schweizer Waren in die neuen EU-Staaten und erzielte dabei einen Aussenhandelsüberschuss von 1,4 Milliarden CHF.

Der Trend ist dennoch positiv: In den letzten 10 Jahren hat der Handel mit den 10 neuen Mitgliedsstaaten jährlich um über 10 Prozent zugenommen. Bis 2010 wird für die aufstrebenden mittel- und osteuropäischen Länder ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 5,5 Prozent vorausgesagt. Bislang sind die wichtigsten Exportgüter der Schweiz: Chemikalien und Pharmazeutika, Maschinen und Werkzeuge sowie Elektronik.

Bei KMU überwiegt Skepsis
Die Wirtschaftskammer Baselland führte im April 2004 eine eigene Umfrage zur EU-Osterweiterung bei regionalen KMU durch. Damals betrachteten 70 Prozent der hiesigen KMU den erleichterten Zugang zu den Absatzmärkten der neuen EU-Länder für ihr Unternehmen als uninteressant bzw. nicht realisierbar. Lediglich 23 Prozent schätzten die neuen Möglichkeiten als eher oder sehr interessant ein.

Die Auswertung der aktuellen Studie der OSEC ergibt, dass die Mehrheit der befragten Unternehmen auch nach der EU-Erweiterung im Mai 2004 keine Geschäftsaktivitäten mit den neuen Mitgliedsländern aufgenommen hat. Dies betrifft sowohl Export und Import als auch Investitionen und Produktion.

Die im Vorfeld der EU-Erweiterung verbreiteten hohen Erwartungen, dass dieser Integrationsprozess zu einem Motivationsschub führen würde, haben sich gemäss den Resultaten der aktuellen Umfrage nicht erfüllt. Für die befragten Schweizer Unternehmen war die EU-Erweiterung von 2004 offenbar kein Auslöser für die Entwicklung neuer Geschäftsaktivitäten.

Angesichts der ungebrochenen Wachstumsdynamik in dieser Region stellt sich die Frage, ob sich die Schweizer Unternehmen diese Gleichgültigkeit leisten können. Unsere Nachbarländer nutzen die Chancen der EU-Erweiterung weit konsequenter, und es sind nicht nur die grossen Konzerne, sondern auch zahlreiche KMU, welche von den Chancen profitieren.

Auch wenn der Rückstand zum Niveau der alten EU-Länder noch beträchtlich ist, wird diese Region in Zukunft weiter an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen. Schweizer Unternehmen sollten rechtzeitig dabei sein, denn wie heisst es so schön: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…»


Kontakt:

Wirtschaftskammer Baselland
Thomas Schaumberg, Jurist (Univ.) 
Leiter EU-Beratung Schweiz
Tel. +41 61 927 65 19
Fax +41 61 927 65 79







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