Bildung zum Breitensport entwickeln
18.04.07 - 09:30 / Autor: Bernhard Müller, Liestal*
Liestal - Trotz Bildungsreform der siebziger Jahre hat sich bis heute die Verakademisierung des Unterrichts erhalten. Das heisst in der Praxis: Unfähigkeit, mit dem Gelernten umzugehen, es zur Realität in Beziehung zu setzen. Bernhard Müller, Geschäftsführer des KV Baselland, zeigt Ursachen und Folgen dieses Mangels auf und weist einen Weg in eine andere Bildungskultur.

Bildung sollte – als Breitensport – zur schönsten «Nebensache» werden. |  |
Über zwei Drittel der Führungskräfte, die auf ihrem Posten versagen, sind hoch ausgebildete Leute. Dies sagt die renommierte Unternehmensberatungs-Firma Egon Zehnder & Partner, das viertgrösste Unternehmen der Welt auf dem Gebiet der Suche nach Führungskräften.
Der Wirklichkeit entfremdet Die Lernformen unserer Schulen und Universitäten entfremden uns der Wirklichkeit unseres Lebensraumes und unserer sozialen Beziehungen. Da ist es wohl nicht verwunderlich, dass die ach so akademischen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft mit der Realität nicht fertig werden, dass uns – trotz der fast uneingeschränkt zugänglichen gigantischen Daten und Informationsfülle – die Situation zunehmend aus der Hand gleitet, dass plötzlich Zwänge und Rückschläge entstehen, ohne dass wir die Zusammenhänge erkennen, geschweige denn sie in den Griff bekommen.
Zu Einzelkämpfern erzogen Unser Schulsystem lebt von Prüfungen und Zensuren. Jeder muss sie selbst durchmachen und bestehen. Wir wurden zu Einzelkämpfern erzogen: nicht vorsagen, nicht abgucken, nicht helfen oder helfen lassen – ein lebensfeindliches Prinzip, das dem Gruppenwesen Mensch widerspricht, es zu einer nicht überlebensfähigen Spezies erzieht.
Je länger und höher die Ausbildung dauert, desto tiefer rutschen wir in die Isolierung, in die Lebensuntüchtigkeit. Der Praxis-Schock wird immer grösser.
Gleich dramatisch verhält es sich mit unserem Verhältnis gegenüber Fehlermachen. Statt den Fehler als Orientierungshilfe zu nehmen – was er beim Lernen in der Tat ist – wird der, der ihn begeht, zum Versager abgestempelt. Frustration, Angst und Stress blockieren das Erkennen wie auch das weitere Lernen. Wann kommt es endlich einem Lehrer in den Sinn, beim Korrigieren eines Diktates nicht die Fehler rot anzustreichen, sondern mit blau das Richtige zu markieren?
Angst vor Fehlern eliminieren Meine Kinder lernten in den ersten Lebensjahren nebst der Muttersprache auch Französisch. Sie konnten sich im Urlaub verständigen, fehlerfrei einkaufen und Freunde gewinnen. Beim Schulfach Französisch war es damit aus. Blockiert, verkrampft, hilflos brachten sie kein einziges Wort über die Lippen: Angst vor dem Fehler. Genauso geht es vielen Hochschulabsolventen, wenn sie ins Erwerbsleben eintreten. Sie erbringen dann aber auf einem anderen Gebiet, wo sie Autodidakten sind, bessere Leistungen als in der Anwendung ihres erlernten Faches.
Die Angst vor dem Fehler ist also auch später immer wieder ein Grund für Verhaltensstörungen und Blockaden. Wir tun jedoch so, als ob es solche Zusammenhänge nicht gäbe. Gefühle wie Gespür, Intuition, Erfolgserlebnis, Angst und Frustration spielen aber beim Denken und Lernen eine ebenso wichtige Rolle, wie die logischen Gedankenverbindungen. Beides findet in Gehirnzellen statt, von denen keine Sorte hochwertiger als die andere ist.
Um Bildung als Rohstoff effizient und nachhaltig einsetzen zu können, braucht es also eine Reformation bestehender Lernstrukturen.
Der Weg zu einer «biologischen» Lernstrategie Unsere Gehirntätigkeit – das Denken und Lernen – ist jedoch nicht etwas rein Geistiges, sondern immer eng mit zellulären, hormonellen, biochemischen und biophysikalischen – also mit materiellen Vorgängen – verknüpft.
Ein Lernen ohne Einsatz des Organismus und auch ohne Einbeziehung der Umwelt ist aber widernatürlich. Wir erleben jedoch auf eine erschreckende Weise, wie das realitätsfremde Eintrichtern von Wissensstoff in unseren Schulen jegliche weitere Verarbeitung des Stoffes ausserhalb der Schule – das heisst im Kontakt mit der vernetzten Realität – verhindert. Das Lernen wird zum blossen Merken von Fakten unter Verzicht auf die Mitwirkung wesentlicher Gehirnpartien.
Bei der Prüfung oder beim Examen wird das verlangte Wissen meist normativ aus der linken Gehirnhälfte abgefragt. Dadurch wird gleichzeitig ein unentgeltlicher Lehrer verschenkt: die Realität, die ausserhalb der Schule für die Konsolidierung des behandelten Stoffes sorgen könnte.
Lernen ist nicht gleich lernen Die Frage, was Lernen aber konkret ist, ist nicht so leicht zu beantworten: Zum Lernen gehören Wahrnehmen und Speichern, Erkennen und Wiedererkennen, Einordnen, Verarbeiten, Vergleichen, Abrufen, Suchen und Finden, Behalten und Verstehen. Eine höchst komplexe Sache, die keineswegs immer alle diese Vorgänge vereinen muss. Lernen ist eben nicht gleich lernen.
Gewiss ist lernen immer, auch wenn es sich um blosses Merken – um ein Auswendiglernen – handelt, ein Prozess, in dem geistige, psychische und körperliche Vorgänge untereinander verbunden sind. Die Speicherung und Verarbeitung von Informationen wird somit stark durch deren emotionalen Gehalt beeinflusst.
Biologische Lernhilfen nutzen Wenn wir Lerninhalte mit Freude, Erfolgserlebnis, Verliebtsein, Neugier, Spass oder Spiel verbinden, setzen wir also Lernhilfen ein, denen ganz konkrete biologische Mechanismen zugrunde liegen. Die Informationen werden weit besser verankert, als wenn sie isoliert verbal-abstrakt eintreffen. Damit berühren wir das biologische Lerngesetz, welches eigentlich in den ganzen Bereichen unserer Ausbildung bisher sträflich vernachlässigt wurde:
Der Effekt ist sogar ein doppelter: Beim späteren Abrufen werden die gleichen Emotionen wieder mit abgerufen und erleichtern nunmehr auch die Weiterverarbeitung. Sie wecken erneut die Neugier für noch mehr Informationen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen in der Bildungbranche: Stellen Sie sich vor, die Bildung würde sich so zum Breitensport oder gar zur schönsten Nebensache entwickeln...
*Bernhard Müller ist Geschäftsführer des KV-Baselland
Quellen: Frederic Vester, «Lernen, denken, vergessen» und «Neuland des Denkens»
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