HarmoS: Zwei Schritte vorwärts – einen zurück?
24.03.07 - 23:00 / Autor: Landrat Urs Berger, Bereichsleiter Berufsbildung
Bern/Liestal - Ende dieses Jahres soll das Schulharmonisierungs-Konkordat «HarmoS» unter Dach sein. Es will auf mehreren Ebenen zwischen den einzelnen Kantonen eine Harmonisierung der Schulsysteme erreichen. So hoffnungsvoll «HarmoS» zunächst gestartet wurde, so zeigen sich doch bereits wieder System-Unterschiede. Aus Sicht der KMU-Wirtschaft noch zu wenig berücksichtigt ist aber insgesamt die Harmonisierung der Schnittstellen zwischen Schule und Berufsbildung.

Zugunsten der Bildungsqualität unserer Kinder müssen erneute föderalistische Sonderzüglein gestoppt werden. |  |
Das Konkordat sieht aus heutiger Sicht die Einschulung mit 4 Jahren, einen obligatorischen Kindergarten, Blockzeiten und gesamtschweizerisch einheitliche Schulziele vor. Vereinheitlicht werden sollen die obligatorische Grundausbildung, Vorgaben von nationalen Bildungsstandards sowie sprachregionale Lehrpläne und Lehrmittel. Die Primarschule inklusive Kindergarten soll acht, die Sekundarstufe drei Jahre dauern.
Die im November des letzten Jahres abgeschlossene Vernehmlassung mit diesen Eckpfeilern ist in den Kantonen weitgehend auf Zustimmung gestossen. Auf dieser Basis will die Plenarversammlung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ab März eine definitive Fassung ausarbeiten und bis etwa Oktober 2007 verabschieden.
Ergänzt werden könnte darin allerdings noch ein Artikel zum Sprachenunterricht. Insbesondere der nationale Lehrer-Dachverband (LCH) hatte kritisiert, dass «HarmoS» ausgerechnet die Fremdsprachen-Abfolge ausklammere. Über den Inhalt einer solchen Ergänzung konnte die EDK allerdings nocht nichts sagen, denn die Diskussion darüber müsse erst noch geführt werden.
Alles in allem soll mit «HarmoS» die Forderung des von der Stimmbevölkerung deutlich angenommenen neuen Bildungsartikels erfüllt werden, wonach die Kantone Dauer und Ziele der Bildungsstufen, Übergänge und die Anerkennung von Abschlüssen harmonisieren müssen. Das Konkordat tritt im Übrigen in Kraft, wenn zehn Kantone ihren Beitritt erklärt haben. Die ersten Ratifikationsverfahren dürften 2009 abgeschlossen sein. Die konkrete Umsetzung könnte allerdings noch zwei, drei Jahre länger dauern.
Als «Abnehmerin» von Schulabgängern, die in die Berufsausbildung wechseln, verfolgt die KMU-Wirtschaft «HarmoS» mit grossem Interesse.
KMU begrüssen «HarmoS» Als wichtigste «Abnehmerin» von Schulabgängern, die in die Berufsausbildung wechseln, verfolgt die KMU-Wirtschaft das Projekt «HarmoS» mit grossem Interesse, selbst wenn einzelne, auch in unserer Region «heiss» geführte Diskussionen um «Frühfranzösisch bzw. Frühenglisch» aus KMU-Sicht naturgemäss nicht oberste Priorität haben.
Schnittstelle Schule–Arbeitswelt nicht vernachlässigen Für die KMU ist die Problematik der Grundschule in der letzten Zeit immer wichtiger geworden. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Schnittstelle zwischen der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II, sondern insbesondere auch zwischen der Sekundarstufe II und der Arbeitswelt.
Gerade die erste Nahtstelle ist auch bei den Berufsverbänden ein wichtiges Thema, da sie unter anderem feststellen müssen, dass zahlreiche Jugendliche, die eine Berufslehre im gewerblichen Bereich beginnen, den Anforderungen zum Teil nur noch knapp genügen.
Bildungsfachfrau Christine Davatz, Vizedirektorin beim Schweiz. Gewerbeverband (SGV), die auch für dessen Vernehmlassung zu HarmoS verantwortlich zeichnet, bringt das Problem der KMU auf den Punkt: «Neben teils mangelhaften schulischen Fähigkeiten und Kenntnissen wie Rechnen, Schreiben und Lesen sind es auch Sozialkompetenzen wie Zuverlässigkeit, Anstand, Pünktlichkeit und Leistungswille, die zu wünschen übrig lassen.» Hinzu komme, dass die Zeugnisse aus der Sicht der Betriebe oft nicht mehr «lesbar» seien, weil die Noten offenbar nicht immer den effektiven Leistungen entsprechen.
Aus dieser Sicht heraus erachte der SGV «HarmoS» als sehr wichtig. Deshalb hat er sich auch in die Vernehmlassung eingeschaltet und ist dabei zu folgenden zentralen Befunden bei der Vernehmlassungsvorlage gekommen:
Für einheitlichen Schulbeginn Aus der Sicht der Wirtschaft ist es zweifellos richtig, die Einschulung spätestens mit dem erfüllten vierten Altersjahr zu beginnen und die zweijährige Vorschulstufe überall als obligatorisch zu erklären. Allerdings läuft der Vorschlag, dass Regionen und Kantone aus den drei Varianten Basisstufe, Grundstufe und Kindergarten wählen können, der angestrebten Harmonisierung bereits wieder entgegen. Die KMU-Wirtschaft beantragt deshalb, dass das Angebot auf nur eine Variante mit Basis- und Grundstufe reduziert wird.
Begrüsst wird auch die Einführung der Blockzeiten mit dem damit verbundenen bedarfsgerechten Angebot an Tagesstrukturen. Was die Finanzierung dieser Strukturen anbetrifft, soll diese nur vom Staat getragen werden. Allerdings ist es nicht zwingend, dass für die Betreuung solcher Tagesstrukturen hochqualifizierte, speziell ausgebildete Personen eingesetzt werden, sondern dass dies sehr wohl auch von «gestandenen Müttern und Vätern» erfüllt werden könnte. Damit würden auch die Budgets der öffentlichen Hand nicht zu stark belastet.
Die Sicht der Berufsverbände, die sich für die Arbeitsmarktfähigkeit der Jugendlichen im Berufsbildungsbereich einsetzen, ist sowohl bei der Festlegung der Leistungsstandards als auch bei den Qualitätsstandards zwingend notwendig.
Bildungsstandards sind unerlässlich Die KMU-Wirtschaft befürwortet in ihrer Vernehmlassung ausdrücklich die Idee, erstmals in der Schweiz sowohl die Bereiche der Grundbildung als auch die Leistungsstandards pro Fachbereich festzulegen. Sie fordert jedoch als «Abnehmerin», dass sie bei den wissenschaftlich entwickelten und validierten nationalen Bildungsstandards ebenfalls zur Vernehmlassung eingeladen wird.
Sicht der Berufsverbände einbeziehen Die Sicht der Berufsverbände, die sich für die Arbeitsmarktfähigkeit der Jugendlichen im Berufsbildungsbereich einsetzen, ist so-wohl bei der Festlegung der Leistungsstandards als auch bei den Qualitätsstandards zwingend notwendig.Die KMU-Wirtschaft geht mit der EDK aber einig, dass es nicht darum gehen kann, einfach Bildungsprozesse zu vereinheitlichen, sondern dass die erwarteten Leistungsergebnisse so beschrieben werden, dass sie verbindlich sind.
Gerade für fächerübergreifende Themen wäre es wichtig, dass die Lehrpersonen wissen, was erwartet wird. Die KMU wünschen zudem, dass bei der zeitlichen Festlegung der letzten Überprüfung der Beginn der Lehrstellensuche mitberücksichtigt wird, da dies für die berufliche Weichenstellung der Jugendlichen von zentraler Bedeutung ist.
Informatik einbeziehen Was die Leistungsstandards anbetrifft, stimmt die KMU-Wirtschaft den vier gewählten Fachbereichen (Erstsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften) grundsätzlich zu. Sie schlägt aber vor, dass auch die Fertigkeiten in den Informationstechnologien einbezogen werden.
Diese gehören heute zu den Arbeitsinstrumenten eines jeden Lernenden, und es wäre mit den heutigen Mitteln sowie ohne übermässigen Zusatzaufwand ein Leichtes, solche Leistungsstandards einzuführen und auch zu überprüfen. Seitens der Wirtschaft bestehen hier verschiedene Ideen, die in relativ kurzer Zeit umgesetzt werden könnten.
Zudem ist anzustreben, dass die nationalen Bildungsstandards nicht nur auf einer rein pädagogischen/wissenschaftlichen Basis durch die EDK entwickelt werden, sondern dass dabei auch die klaren Anforderungen der Arbeitswelt einzubeziehen sind.
Driften Kantone der Nordwestschweiz auseinander? In Baselland war ein deutliches Aufatmen hörbar, als Basel-Stadt im Rahmen von «HarmoS» sein bisheriges Bildungssystem mit vier Jahren Primarschule in Frage gestellt und sich dann bereit erklärt hatte, neu auf sechs Jahre Primar- und drei Jahre Sekundarschule zu wechseln. Diese Grundregelung dürfte sich auch im Baselbiet durchsetzen. Alles in allem: Für die Region Nordwestschweiz ein entscheidender Harmonisierungsschritt.
Ebenfalls dürfte – zumindest zwischen BS und BL – die Differenz zum Frühfranzösisch oder Frühenglisch vorerst bereinigt sein, nachdem sich die landrätliche Bildungskommission gegen die Frühenglisch-Absichtserklärung der Regierung gestemmt hatte. Auch SO schliesst sich dem Frühfranzösisch an. Damit sind die «Harmonien» zwischen den vier Kantonen in der Nordwestschweiz – BL, BS, AG und SO – zumindest in der Detailausgestaltung allerdings bereits weitgehend erschöpft.
So liebäugelt der Kanton Aargau mit einer speziellen Begabtenförderung in einem Elitegymnasium und richtet sich mit Frühenglisch auf den Kanton Zürich aus. Solothurn entspricht mit seinen bisher geäusserten Absichten am klarsten den Grundvorschlägen von «HarmoS», will jedoch – anders als voraussichtlich BL – zwei Jahre Progymnasium und vier Jahre Gymnasium.
Noch völlig unklar sind in der Nordwestschweiz grundlegende Harmonisierungsfragen: Kommt anstelle des Kindergartens eine Eingangsstufe? Und können sich die vier Kantone in der Region auf einen einheitlichen gymnasiale Ausbildungweg einigen? Es ist noch vieles im Fluss ...
Landrat Urs Berger Bereichsleiter Berufsbildung
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