Freispruch für die Wirtschaft
20.09.06 - 08:00 / Autor: Patrick M. Lucca
Bern/Liestal - Eine neue wissenschaftliche Studie räumt mit dem Märchen von der bösen Wirtschaft auf, die in ihrer «Profitgier» angeblich kaum noch Lehrlinge ausbilden wolle und arbeitslose Jugendliche zuhauf in Kauf nehme.

Wirtschaft nimmt in der Lehrlingsausbildung ihre Verantwortung wahr. |  |
Das Thema Lehrstellenmangel ist für die politische Linke seit Jahren ein willkommenes Reizthema. Es vergeht keine Session der eidgenössischen Räte, in der die «ausbildungsunwillige» Wirtschaft nicht an den Pranger gestellt wird. Und weil die Not der Jungen leserwirksam ist, machen einzelne Medien gerne bei allen diesen Kampagnen undifferenziert mit. Wer – wie die KMU-Wirtschaft – eine nüchterne Lagebeurteilung verlangt und sinnlosen «Rettungsaktionismus» ablehnt, wird pauschal abqualifiziert.
Dämpfer für Scharfmacher Doch jetzt kommt für die Scharfmacher ein arger Dämpfer. Die Ökonomen Barbara Müller und Jürg Schweri vom «Schweizerischen Institut für Berufspädagogik» in Zollikofen bei Bern haben nämlich erstmals wissenschaftlich untersucht, was es mit den Vorwürfen an die Wirtschaft – allem voran die KMU-Wirtschaft – auf sich hat.
Das Magazin «Cash» ist denn auch von den Resultaten der wissenschaftlichen Arbeit beeindruckt: «Die Studie entlastet die Unternehmen eindeutig und ist umgekehrt vernichtend für die Kritiker. Denn von einem abnehmenden Willen zur Lehrlingsausbildung kann nach Ansicht der Autoren keine Rede sein.» Jürg Schweris Fazit ist jedenfalls eindeutig: «Es ist keineswegs so, dass der einzelne Betrieb heute weniger Interesse an Lehrlingen hat als früher.» Was die Wirtschaftskritiker am meisten trifft: Sie verlieren durch die Studie ihr wichtigstes, als unschlagbar geltendes Argument.
Strukturelle Gründe für Rückgang Statistiken zeigen zwar, dass der Anteil der ausbildenden Betriebe seit 1985 von 25 auf 18 Prozent zurückging. Diese Differenz wird der Wirtschaft angekreidet, die sich eben um die Grundbildung zunehmend foutieren würde.
Schweri und Müller widerlegen in ihrer Untersuchung diese These und nennen die wahren Gründe für diesen Rückgang. Ihre wichtigsten Erkenntnisse:
- Demografie: Es gibt heute weniger 16-Jährige als 1985. Somit können auch nicht mehr ausgebildet werden.
- Gymnasien: Die Matura hat an Attraktivität gewonnen. Das drückt die Zahl der Lehrstellensuchenden.
- Wirtschaftsstruktur: Der umfassende Wandel führt dazu, dass es immer mehr Kleinstbetriebe gibt. Diese haben oft nicht die nötigen personellen Voraussetzungen und das nötige Arbeitsvolumen, um Lehrlinge drei bis vier Jahre zu betreuen und zu beschäftigen. Zudem verliert die traditionelle Industrie an Bedeutung – vorab kleine, mobile Hightech-Firmen sind im Kommen. Solche Unternehmen bilden nur selten Nachwuchs aus.
Die Ursachen in Zahlen und Fakten Schweri und Müller liefern in ihrer Studie auch eine genaue Aufschlüsselung der Ursachen der Abnahme der Ausbildungsbeteiligung von rund 7 Prozent seit 1985.
- 40 Prozent gehen auf die gesunkene Bevölkerungsstärke der 16-Jährigen zurück.
- Weitere 15 Prozent lassen sich mit der zunehmenden Maturitätsquote erklären.
Kommentar der Autoren: Zusammen sind angebotsseitige Faktoren – also die Entwicklung der potentiellen Lehrstellenbewerber – somit für mehr als die Hälfte der Veränderung in der Ausbildungsbeteiligung verantwortlich.
- Knapp 35 Prozent der Veränderung wurden durch die Zunahme sehr kleiner Betriebe mit tiefer Ausbildungswahrscheinlichkeit verursacht.
- Die Gewichtsverschiebungen zwischen den Branchen erklären schliesslich noch rund 10 Prozent.
Kommentar der Autoren: «Anteilsmässig sind in der Volkswirtschaft jene Branchen gewachsen, in welchen die duale Berufsbildung traditionell weniger stark verankert ist. Der eher geringe Erklärungsanteil dieses Faktors erstaunt, da die relative Beschäftigungszunahme im Dienstleistungssektor (Tertiarisierung) verschiedentlich als Bedrohung des dualen System angesehen wurde.»
Genugtuung in der KMU-Wirtschaft «Wir haben uns immer gegen die Schuldzuweisungen an die Wirtschaft gewehrt, jetzt haben wir die Bestätigung, dass wir richtig lagen», freut sich Christine Davatz, Bildungsfachfrau und Vizedirektorin beim Schweiz. Gewerbeverband (SGV), über die Resultate der Studie. Das heisse aber nicht, dass man jetzt die Hände in den Schoss legen könne. «Rund 70 Prozent aller Lehrlinge werden heute in der gewerblichen Wirtschaft ausgebildet. Wir müssen zu diesem Wert Sorge tragen und entsprechend die Berufslehre fördern», hält Davatz fest.
Lehrbetriebsverbünde: konkreter Lösungsweg Einer der Zukunftswege sei sicherlich die deutliche Förderung der Lehrbetriebsverbünde, bei denen die Lernenden ihre Grundbildung in mehreren kleinen Betrieben absolvieren. In die gleiche Richtung gehen die Empfehlungen von Schweri und Müller: «Man muss eben auch die Mikrobetriebe einbeziehen.»
Diese Haltung vertritt auch ganz entschieden die Wirtschaftskammer Baselland, die es jedoch nicht bei Forderungen belässt, sondern mit ihrem eigenen, bereits vor sechs Jahren gegründeten Lehrbetriebsverbund – er betreut derzeit 90 Lernende aus 17 Branchen – konkret dazu beiträgt, neue Lehrstellen vor allem auch in Kleinstbetrieben zu schaffen.
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