«Lernende wollen geführt werden»
27.04.07 - 09:00 / Autor: Basler Zeitung, «stellefant.»
Basel/Liestal - Jugendliche benötigen klare Zielvorgaben, sagt Berufsbildungsfachmann Urs Berger von der Wirtschaftskammer Baselland im Interview mit der «Basler Zeitung» in der Ausgabe vom 27. April 2007 in der Rubrik «stellefant.»

Das «Herzblut» der Ausbildenden für ihren Beruf überträgt sich auch auf die von ihnen betreuten Lehrlinge (Foto Keystone). |  |
Ab August 2007 mit über 120 Lernenden in 90 regionalen KMU aus 17 Branchen gehört der KMU-Lehrbetriebsverbund der Wirtschaftskammer Baselland zu den Verbundorganisationen der ersten Stunde und auch zu den grössten in der Schweiz. Zurzeit steht Verbundleiter Urs Berger, Landrat und Bereichsleiter Berufsbildung in der Wirtschaftskammer, in der Abschlussphase der Lehrlings-«Evaluation» für den Lehrbeginn im Spätsommer 2007. Über seine Eindrücke zum neuen «Jahrgang » und seine Erfahrungen als Betreuer seiner Schützlinge berichtet er im folgenden Interview.
Redaktion: Urs Berger, wie viele neue Lernende starten in Ihrem Lehrbetriebsverbund ab August die Ausbildung? Urs Berger: Konkret sind es zurzeit 43 Jugendliche, wobei noch einzelne dazustossen können, bei denen die Evaluation derzeit noch offen ist. Knapp die Hälfte der Neuen beginnen ihre Ausbildung übrigens in einer Firma, die bisher noch keine Lehrstelle angeboten hat.
Gibt es in Ihrem Verbund Schwerpunkte in den Berufen bzw. Branchen? Ja, eindeutig: Die KV-Ausbildung. Erfreulich ist, dass wir dort auch eine schöne Zahl von Lernenden rekrutieren konnten, die das KV-B-Profil absolvieren. Das entspricht etwa der früheren Bürolehre, stellt allerdings höhere Anforderungen und dauert jetzt drei Jahre. Mit diesem Schwergewicht wird am KV Baselland auch eine neue Klasse für das B-Profil gebildet. Wir sind ausserdem daran, den ersten Sprachaustausch mit einer Firma im Tessin umzusetzen, wo eine unserer Lernenden ein Jahr ihrer Ausbildung absolviert – und umgekehrt ab Sommer 2008 ein Tessiner in unserer Region. Neben den KV-Berufen absolvieren aber auch gut 40 Prozent unserer Lernenden eine Ausbildung in anderen Berufen bzw. Branchen, beispielsweise als Gipser, Sanitär-Installateur, als Logistikassistenten und Betriebspraktikerinnen, aber auch in der Informatik. Ich darf feststellen, dass auch in diesem Jahr wieder einige Jugendliche in eine Verbundlehre aufgenommen wurden, die bisher grosse Mühe hatten, eine Lehrstelle zu finden.
Was sind Ihre Eindrücke zu Ihren neuen Lernenden, ja generell zu Ihren 120 Schützlingen im Verbund? Entsprechen sie dem landläufig oft gehörten Urteil einer «Nullbock»-Generation? Nein, ganz und gar nicht – im Gegenteil. Ich stelle jedes Jahr von Neuem fest, wie interessiert die allermeisten unserer jungen Lernenden ihre Berufsausbildung angehen, wie ernsthaft sie arbeiten, um eine gute Ausbildung zu absolvieren und mit welchem Engagement sie die heute hohen Anforderungen erfüllen wollen. Dafür möchte ich ihnen allen an dieser Stelle ein grosses Kompliment aussprechen. Und wenn ich schon an Komplimenten bin: Ein grosses gebe ich auch vorbehaltlos an die KMU-Verbundlehrbetriebe weiter, die ihre Ausbildungsaufgabe ebenfalls mit einem tollen Engagement wahrnehmen. Dieses «Herzblut» spüren – und schätzen – unsere Jungen sehr.
Gute Noten also für die Lernenden und ihre Lehrmeister. Was ist das Geheimnis dieser erfreulichen Beurteilung? Das es eigentlich kein Geheimnis ist, sondern den ganz normalen Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs entspricht. Das heisst: Wenn ein Mensch – oder in der Berufsausbildung eben ein Jugendlicher – grundsätzlich mit Respekt und Wertschätzung behandelt wird, wenn er oder sie das genannte «Herzblut» von seinem oder ihrem Lehrmeister spürt, dann wird ein Lernender wieder sehr viel von diesen Werten zurückgeben. Ich vergleiche diesen Effekt mit Eltern, die sich für Kinder entschieden haben und dafür einiges auf sich nehmen. Sie alle machen dann aber die Erfahrung, dass die Zuneigung und Umsicht, die sie ihren Kindern entgegenbringen, auch wieder zurückkommen. In einer Berufsausbildung ist dies zwischen Lehrlingsbetreuer, Lehrfirma und Lernenden nicht anders.
Die Jungen also mit Anstand und Respekt behandeln. Genügt das? Nein, das ist aber eine entscheidende Grundlage. Dazu kommt, dass es Jugendliche durchaus schätzen, wenn klare und auch anspruchsvolle Leistungsanforderungen an sie gestellt und auch die entsprechenden Ziele gesteckt werden. Sie wollen geführt werden und dabei ihr Wissen und Können in einem gewissen Wettbewerb unter Beweis stellen. «Kuschel-Pädagogik», wie sie früher noch hie und da propagiert wurde, ist beim grössten Teil der jungen Lernenden nicht gefragt – schon gar nicht, wenn die genannten zwischenmenschlichen Grundwerte stimmen.
Das tönt jetzt alles so schön. Gibt es im Verbund eigentlich auch Probleme? Ja sicher, das wäre nicht normal. Auch wir haben den einen oder anderen Problemfall unter den Lernenden. Im Verlaufe einer Berufsausbildung gibt es immer wieder ganz natürliche Krisen. Es kommt auch vor, dass zwischen einem Ausbildner und einem Lernenden halt einfach die «Chemie» nicht stimmt. Weil wir aber sowohl zum Lehrbetrieb als auch zu den Eltern regelmässig einen intensiven und persönlichen Kontakt pflegen, können auftretende Probleme in der Regel auch rasch gelöst werden. Wenn dann aber alle Stricke reissen, müssen auch wir in Einzelfällen einen Lehrvertrag auflösen.
Und bei den Lehrfirmen? Ich muss dem einen oder anderen Betrieb hie und da wieder bewusst machen, dass ihre Lernenden nicht fertig ausgebildete Arbeitskräfte, sondern Jugendliche im Lernprozess sind. Das heisst, dass sie Fehler machen dürfen, ja – im Sinne des Lernens – auch Fehler machen müssen. «Durch Fehler wird man klug», sagt ja schon der Volksmund. Mit anderen Worten: Bei allen auch strengen Anforderungen, die wir gerade in Sachen Sozialkompetenz und Schulnoten an unsere Lernenden stellen, müssen wir alle – die Verbundorganisation, die Lehrbetriebe, die Berufsschule und auch die Eltern – darauf achten, dass wir unsere Jugendlichen nicht überfordern. Vergessen wir nicht, dass sie es in unserer reizüberfluteten Zeit nicht einfacher haben als wir selbst vor 30 oder 40 Jahren – im Gegenteil.
In der Abschlussphase Ihrer Evaluation der neuen Lernenden: Was ist Ihr grösster Wunsch? Dass alle Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, auch eine finden. Das heisst allerdings, dass sich noch wesentlich mehr Betriebe in der Region – gerade auch Kleinunternehmen – dazu entschliessen, selber Lehrlinge auszubilden. Das Lehrbetriebsverbund-Modell ist gerade für KMU ideal, denn sie werden damit von der Administration und von den allgemeinen Betreuungsaufgaben entlastet und können sich so ganz gezielt auf die Vermittlung der beruflichen Fähigkeiten konzentrieren. Ausserdem werden sie bei Bedarf von der Verbundorganisation – gerade wenn sie zum ersten Mal Lehrlinge ausbilden – intensiv begleitet.
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