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Gezielte Förderung – ohne ideologische Verbissenheit
30.03.09 - 07:47 / Autor: Christoph Buser

Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hat die Diskussion um ein anderes brennendes Thema in den Hintergrund gerückt: die Zukunft der Energieversorgung in der Schweiz und damit auch unserer Wirtschaft – aber auch die Sorge um die Klimaveränderungen. Zweifellos gehören zu einer verantwortungsvollen Energiesicherstellung auch erneuerbare Energien. Diese aber mit ideologischer Sturheit und rigorosen Verhinderungsmassnahmen der traditionellen Energieformen einzufordern, ist nachgerade fahrlässig. Mehr Realitätssinn ist vonnöten.




Zukünftige Energieversorgung der Schweiz mit erneuerbarer Energie
Der Endenergieverbrauch der Schweiz mit allen Energieträgern – von fossilen Brennstoffen bis zu erneuerbaren Energien – ist zwischen 1990 und 2005 um über 11 Prozent gestiegen.
Der Verbrauch der fossilen Energieträger (Heizöl, Treibstoffe, Gas, Kohle) stieg in diesem Zeitraum um + 6,6 Prozent; Heizöl und Treibstoff allein um + 0,36 Prozent. Die fossilen Energieträger halten am gesamten Endenergieverbrauch der Schweiz einen Anteil von 69,3 Prozent; Heizöl und Treibstoff allein erreichen dabei einen Anteil von 56,4 Prozent (2005).
Demgegenüber stehen die «erneuerbaren» bzw. «alternativen» Energieträger Holz/Holzkohle, Fernwärme, Abfälle, Sonne, Biogas, Umweltwärme usw. mit einer Verbrauchssteigerung zwischen 1990 und 2005 von + 28,7 Prozent. Dies allerdings – im Vergleich mit dem gesamten Endenergieverbrauch – auf einem relativ tiefen Anteilsniveau von + 7,5 Prozent im Jahre 2005.
Die inländische Nettoproduktion der Elektrizität in der Schweiz setzt sich hauptsächlich aus 59,2 Prozent Wasserkraft und 39,8 Prozent Kernkraft zusammen. Dies sind einige Fakten auf der Basis des «Statistischen Jahrbuches der Schweiz 2007».
Die Zahlen zeigen auf: Der Energieverbrauch der Schweiz steigt insgesamt weiter kontinuierlich an. Dabei ist das Verbrauchswachstum der fossilen Energieträger proportional doch um einiges geringer als etwa beim Verbrauch von Elektrizität. Eher erstaunt die tiefe Verbrauchszunahme bei Heizöl und Treibstoffen.

Alternativ-Energien im Vormarsch, aber ...
Dennoch: Der Anteil der fossilen Energieträger nimmt mit rund zwei Dritteln des Endenergieverbrauchs nach wie vor eine «einsame» Spitzenstellung ein, gefolgt von Elektrizität mit knapp einem Viertel. Trotz deutlicher Verbrauchszunahmen, die zweifellos in den nächsten Jahren noch weiter ansteigen, erreicht der Anteil der «erneuerbaren» bzw. «alternativen» Energieträger lediglich rund 7,5 Prozent.
Dabei gehört die Schweiz, auch wenn dies aus durchsichtigen Gründen immer wieder bestritten wird, punkto Verbrauch von nicht fossilen Energieträgern bzw. Förderung von erneuerbarer Energie zu den weltweit führenden Nationen.
Es dürfte unbestritten sein, dass unser Land für die nächsten 30 bis 40 Jahre seine Energieversorgungssicherheit aufrechterhalten, das heisst: auch den weiterhin zu erwartenden Mehrverbrauch auffangen muss. Gleichzeitig ist der nicht unberechtige Anspruch auf Klima- und Umweltschonung zu berücksichtigen. Über diese zwei grundsätzlichen Ziele ist man sich – von links bis rechts – mehr oder weniger in allen politischen Strömungen einig. Grosse Meinungsdifferenzen bestehen allerdings über den richtigen Weg dorthin.

Lange Liste ökologischer Ziele
So lautet speziell das Credo der linksgrün bzw. ökologisch engagierten Kreise unter anderem:
– den Energieverbrauch insgesamt deutlich senken, auch durch persönliche Einschränkungen und «Lenkungsabgaben»;
– den CO2-Ausstoss vermindern;
– die Luftqualität verbessern;
– Entwicklung und Einsatz von (Hybrid-)Motoren, die zumindest mit einem deutlich geringeren Anteil an fossilen Energieträgern betrieben werden: z.B. Elektrizität, Brennstoffzellen, «Bio-Treibstoffe» usw. Ebenso sind Motoren zu fördern, deren Treibstoffverbrauch bzw. CO2-Ausstoss gegenüber heutigen konventionellen Antrieben deutlich tiefer ist;
– weg von der Kernkraft;
– (teilweiser) Ersatz fossiler Energieträger und insbesondere der Kernkraft durch alternative bzw. erneuerbare Energieträger – allem voran Sonnenkraft, Biogas, Windkraft, Erdwärme, einheimisches Holz usw.
Als Zeithorizont für diesen geradezu «revolutionären» Wandel des Energieverbrauchs in der Schweiz werden rund 20 bis 30 Jahre, teilweise noch kürzere, aber auch längere Fristen genannt.
Ein grösserer Teil dieser «Forderungen» ist – nüchtern betrachtet – wünschenswert. Jedoch: Reines Wunschdenken oder gar missionarische Sturheit muss abgelehnt werden, denn noch immer sind viele Rahmenbedingungen für erneuerbare Energie alles andere als förderlich, ja, in vielen Fällen erweisen sie sich als widersprüchlich oder sogar als kontraproduktiv.

Jede Menge Stolpersteine
Gerade zu diesem Aspekt entstehen bei einer ganzheitlichen Betrachtung denn auch erhebliche Zweifel, ob die rigorosen Forderungen ökologisch bewegter Kreise hinsichtlich der Sicherstellung der Energieversorgung mittelfristig nicht in eine Sackgasse führen und dann die künftige Versorgungssicherheit existenziell gefährden. Dazu einige Gedanken:
Persönliche Einschränkungen und Lenkungs-«Steuern» mögen für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll sein, auf die Dauer – über ein oder zwei Jahre hinaus – lässt sich der Mensch kaum zu solchem Verzicht und schon gar nicht zu fragwürdig verwendeten «Gebühren» motivieren. Dauerhafte Einsparungen lassen sich nur durch verbesserte oder neue verbrauchsärmere Technologien – bei der Heizung, bei baulichen Massnahmen oder bei Motoren – erreichen. Solche nachhaltigen Innovationen sind zu fördern. Gesetzlich verordnete oder fiskalisch initiierte Einschränkungen sind abzulehnen.
Der allgemeine CO2-Verhinderungs-Hype hat – wie seinerzeit die Waldsterbe-Hysterie – ohnehin einige seltsame Blüten getrieben. Genannt sei der Ruf nach CO2-neutralen Treibstoffen wie Bio-Diesel oder Ethanol. Offenbar hat man nun doch begriffen, dass dadurch gerade in Drittweltländern ein immenses Ernährungsproblem geschaffen wird, wenn landwirtschaftliche Flächen – anstatt für die Ernährung Einheimischer – für die weitaus lukrativere «Bio-Treibstoffproduktion» missbraucht werden. Auch hier: «Blinder Eifer schadet nur.»

Energie-«Manna» vom Himmel?
So sehr auch die KMU-Wirtschaft neue Technologien bei Motoren begrüsst, so sehr seien auch hier einige trendige Forderungen hinterfragt. Gemeint ist aktuell unter anderem die Hybrid-Technologie, also die Verwendung zweier Antriebsarten im Auto – in der Regel Verbrennungsmotor mit Elektroantrieb –, die derzeit so enorm «im Schwange» sind.
Vom Grundsatz her ist diese Entwicklung zu erfreulich. Allerdings: Auch diese Motoren verbrauchen Energie – neu und zusätzlich auch Elektrizität –, die nicht einfach wie das Manna vom Himmel schwebt.
Allenfalls kann ein Teil der notwendigen Elektrizität über Solarzellen selber produziert werden (sofern die geltenden Ortsbildvorschriften dies nicht verhindern). Die «Bequemlichkeit» gerade auch an den vielen sonnenarmen Tagen in unseren Breitengraden wird wohl eher dazu führen, noch mehr Elektrizität aus der normalen Netzsteckdose zu beziehen. Der Bedarf an Elektrizität – auch Kernenergie – dürfte also eher überproportional zunehmen.
Dem steht diametral die Forderung nach Abschaltung bzw. nach einem Verbot des Ersatzes bestehender Kernkraftanlagen gegenüber, auch wenn damit die CO2-Bilanz verbessert bzw. nicht verschlechtert wird. Hier beisst sich also die CO2-Schlange kraftvoll in ihren eigenen «Weg-von-der-Kernkraft»-Schwanz.

Saubere Energie torpediert
Und ebenso ein erheblicher Widerspruch ist es, wenn die Optimierungsmöglichkeiten der praktisch CO2-freien Stromproduktion durch Wasserkraft mit Umweltschutzargumenten verhindert werden. Als Beispiel sei der Kampf von Umweltschutzkreisen gegen den Ausbau der Grimselstauseen genannt. Dabei ist das Optimierungspotenzial unserer teilweise recht betagten Wasserkraftwerke noch immer hoch. Ihre Erneuerung mit Umweltargumenten zu torpedieren, ist ein politischer Widerspruch in sich.
Und auch die Windenergie-Nutzung ist nicht unproblematisch. Auch hier bekämpfen sich Umweltschutzkreise untereinander: Verschandelung der Natur, Störung der Fauna usw. sind die Streitpunkte. Und viele potenzielle Anwohner an solchen «Windmühlen» werden aufgrund von Lärmproblemen und unangenehmen Licht-Stroboskop-Effekten bei drehenden Rotorflügeln wohl rasch opponieren. In der dicht besiedelten Schweiz dürften also Standorte für Windkraftanlagen, die tatsächlich «einschenken», eher dünn gesät sein.

Unrealistische Ersatzforderungen
Schliesslich muss nüchtern die Frage gestellt werden, ob die erneuerbaren Energieträger in absehbarer Zeit – in den nächsten 20 bis 30 Jahren – überhaupt in der Lage sind, einen erheblichen Teil der fossilen Energieträger bzw. der Elektrizität zu substituieren, das heisst: zu ersetzen. Selbst wenn die – begrüssenswerte – technologische Entwicklung im gleichen Ausmass wie bisher bzw. noch rascher fortschreitet, so dürfte diese Entwicklung aus heutiger Sicht kaum in der Lage sein, einen erheblichen Teil der fossilen Energieträger (zur Erinnerung: Anteil heute knapp 70 Prozent) und konkret den Anteil der Kernenergie mittelfristig sicher zu substituieren.
So stellt sich nicht erst in 20 oder 30 Jahren ganz konkret die Frage, ob die Schweiz ihren weiter wachsenden Energiebedarf mit der erhofften Substitution sicherstellen kann. Wenn aber bereits jetzt mit illusorischen gesetzlichen Forderungen die Abstellgleise für die Versorgungssicherheit gebaut werden, stehen wir in 20 bis 30 Jahren tatsächlich vor einem existenziellen Problem. Dann allerdings ist es zu spät, die Weichen wieder anders zu stellen.

Mit Augenmass fördern
Was ist zu tun? Ganz klar: Die erneuerbaren Energieträger bergen auf lange Sicht hinaus ein interessantes Substitutionspotenzial in sich. Aus wirtschaftlicher Sicht – unter Berücksichtigung der Innovationsmöglichkeiten sowie zur Stärkung unserer globalen Wettbewerbsposition – sind sie eine echte Zukunftschance. Sie sind unbedingt zu fördern.
Allerdings: mit Augenmass und nüchternem Realitätssinn. Wunschträume dürfen nicht dazu verleiten, quasi die Brücken hinter uns vorschnell abzubrechen. Das heisst aus heutiger Sicht: Wir kommen nicht darum herum, zum Beispiel die Option «Ersatz bestehender Kernkraftwerke» (es sei betont: Ersatz bestehender – keine zusätzlichen Kernkraftwerke!) offen zu halten und deren Projektierung rechtzeitig in Angriff zu nehmen. Ebenso sind Wasserkraftwerke nach dem Stand modernster Technologien zu optimieren. Nur so kann die Versorgungssicherheit mit einheimischer Elektrizität auch für die nächsten 20 bis 40 Jahre gewährleistet werden.
Etwas problematischer ist der Ersatz fossiler Energieträger – insbesondere für die Heizernergieproduktion und speziell auch bei den Treibstoffen. Wie kurz angetönt, liegen da noch grosse Stolpersteine im Weg. Trendige «Patentlösungen» verursachen derzeit nur neue Probleme, ohne die alten zu lösen. Dennoch: Auch hier ist die Entwicklung mit Augenmass voranzutreiben.
Alles in allem gilt also: das Eine tun – aber das Andere klugerweise nicht lassen!

«Gouverner c’est prévoir»!
Es wäre geradezu ein klassischer Fall von Sankt Florians-Denken, wenn dieses «Sowohl-als-auch» einfach stur unter den Tisch gewischt, dann aber die fehlende Energie im Ausland bezogen würde – womöglich aus CO2-Schleudern oder von technologisch veralteten Kernkraftwerken.
Ein alter, aber bewährter politischer Grundsatz lautet: «Gouverner c’est prévoir» (Regieren heisst vorausschauen bzw. vorsorgen). Aus diesem Grundsatz darf gerade in der Energiepolitik kein «Gouverner c’est rêver» (Regieren mit Wunschträumen) gezimmert werden.







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