Wirtschaftskammer Baselland - KMU-Wirtschaft unterstützt «Eingliederung statt Rente»
Wirtschaftskammer Baselland Wirtschaftskammer Baselland
KMU-Wirtschaft unterstützt «Eingliederung statt Rente»
16.05.07 - 15:30 / Autor: Edi Borer

Bern/Liestal - Im Hinblick auf die Abstimmung vom 17. Juni zur 5. IV-Revision werden gerade gegenüber der Wirtschaft häufig Vorurteile laut, diese sei – aus gewinnorientierten Gründen – gar nicht bereit, behinderte Menschen in den Arbeitsalltag zu integrieren. Eine repräsentative Befragung der Baselbieter KMU zeigt jedoch eindrücklich, dass die Integrationsbereitschaft erfreulich gross ist und allfällige Vorbehalte vor allem ganz pragmatischer Natur sind. Markus Meier, Vizedirektor der Wirtschaftskammer Baselland, fasst die Ergebnisse der Befragung zusammen und kommentiert das Resultat.


Behinderte Menschen haben ein sehr grosses Bedürfnis, ihren Leistungswillen und ihr Engagement unter Beweis zu stellen.

Behinderte Menschen haben ein sehr grosses Bedürfnis, ihren Leistungswillen und ihr Engagement unter Beweis zu stellen.

«In der heute immer mehr in einem globalisierten Wettbewerbs- und Preisdruck stehenden Wirtschaft hat es keinen Platz mehr für nicht voll leistungsfähige Arbeitnehmende. Unternehmer wollen bzw. können es sich nicht leisten, solche Personen zu beschäftigen.»

Unhaltbare Vorwürfe
Solche generalisierenden Aussagen hört man immer wieder, ohne dass sie dann allerdings mit konkreten Fakten unterlegt werden. Dass die Aussagen so auch nicht zutreffen – zumindest nicht im KMU-Sektor – zeigt eine anonymisierte Erhebung der Wirtschaftskammer Baselland vom Sommer 2006, deren Befragungsunterlagen an knapp 8000 KMU im Kanton Basel-Landschaft verschickt wurden. Diese Befragung sollte einerseits aufzeigen, welche Hürden den Menschen mit Behinderung bei einer Anstellung konkret im Wege stehen, und andererseits, welche Massnahmen es den KMU erleichtern würden, Menschen mit einer Behinderung anzustellen.

Obwohl das Projekt optimistisch angepackt und lanciert worden war, wurde die Wirtschaftskammer bei den Resultaten dann doch gleich mehrfach positiv überrascht.

Repräsentative Ergebnisse
Die erste positive Überraschung zeigte sich bei der Beteiligung an dieser Umfrage: 25 Prozent der kontaktierten Unternehmen studierten den Fragebogen eingehend und nicht weniger als 10 Prozent davon – also über 750 Firmen – beantworteten die Fragen komplett.

Besonders interessant ist dabei die Struktur der antwortenden Unternehmen. Die Proportionen entsprechen nämlich ziemlich genau den Branchenanteilen in der Nordwestschweizer Volkswirtschaft. Sowohl bezüglich der Stichprobengrösse als auch bezüglich der Struktur des Samples ist die Umfrage also zweifellos repräsentativ.

Hohe Bereitschaft der KMU
Die zweite positive Überraschung war die mit rund einem Drittel überaus starke und klare Bereitschaft, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch behinderte Personen in einem Unternehmen beschäftigen zu wollen. Die Umfrage ermöglichte eine solch differenzierte Auswertung, wurde doch bei der Fragestellung explizit zwischen körperlicher und geistiger Behinderung sowie zwischen Sinnes-Behinderung und psychischer Behinderung unterschieden.

Auf primär fachliche Begleitung angewiesen
Auf der anderen Seite zeigte sich aber ebenso klar, dass die KMU bei der Beschäftigung von Behinderten auf Unterstützung angewiesen sind. Dabei stehen nicht in erster Linie monetäre Massnahmen mit im Vordergrund. Die Betriebe wünschen sich vielmehr vor allem fachliche Unterstützung, Begleitung und spezifische Schulung sowie ein Coaching der betreffenden Arbeitnehmenden.

Aber natürlich fördern auch andere Massnahmen die Beschäftigungsbereitschaft zusätzlich. Viel Zustimmung haben hier besonders Einarbeitungs- und Lohnzuschüsse, aber auch Steuerermässigungen sowie Beitragsleistungen an die Sozialversicherungsbeiträge erhalten.

Investition – nicht Subvention
Dabei ist es allerdings entscheidend, solche finanzielle Massnahmen als Investitionen und nicht als Subventionen zu sehen: Investition in dem Sinne, dass Kosten in anderen Bereichen gesenkt werden können oder eben gar nicht erst entstehen.

Weniger Zuspruch haben die Übernahme der Zusatzadministration, eine öffentliche Preisvergabe oder die Schaffung eines Sozial-Labels erhalten. Ein Qualitätslabel für behindertenfreundliche Betriebe gehört ebenfalls nicht zu den wichtigsten Anreizen, um Behinderte einzustellen. Etwas, was nur den Briefkopf schmückt, bringt nichts. Wenn ein solches SozialLabel dann aber beispielsweise bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen einen Vorteil bringen würde, könnte dies durchaus motivierend wirken bzw. etwas bewirken.

Unterschiedliche Bedürfnisse bei den Unternehmen
Die konkreten Bedürfnisse bezüglich solcher Mittel und Massnahmen sind allerdings von Unternehmen zu Unternehmen verschieden. Eines aber ist allen gemeinsam: Alle diese Unterstützungen und Erleichterungen erhöhen die Bereitschaft, behinderte Personen zu beschäftigen.

Ein aufschlussreiches Stimmungsbild zur Frage der Integration von Behinderten in KMU zeigen die folgenden drei Zitate aus den Antworten der in Baselland befragten KMU:

«Wir haben letztes Jahr versucht, Hilfe zu erhalten. Wir hatten Mitarbeiter, welche psychisch labil waren. Mein Mann meinte es gut mit diesen jungen Leuten, dabei landeten wir fast im Ruin. Ein Jahr lang haben wir das durchgezogen. Im Februar mussten wir den armen Kerlen kündigen. Jetzt gehen sie stempeln, obschon sie gerne bei uns waren und es sogar Tränen gab, aber es für unser kleines Geschäft nicht mehr tragbar war. Die Firmen, welche gestrandete Leute beschäftigen, sollten unbedingt Unterstützung bekommen.»

«... eine wichtige Frage fehlt im Fragebogen: Machen Sie einen Unterschied zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten, ja oder nein? Meine Antwort: nein!»

«Ihre Umfrage finde ich sehr gut, da ich selber ein behinderter Unternehmer bin, nämlich gehörlos. Wenn Sie auf meiner Firmenwebsite nachschauen, werden Sie eine interessante Philosophie finden: Wir wollen Gehörlose vor den Normalhörenden bevorzugen. Und dies nicht im Sinne von Sozialarbeit, sondern in rein wirtschaftlichem Interesse, weil Gehörlose ein besseres Gespür für visuelles Design haben. Es muss also nicht immer eine mühsame Wiedereingliederung sein, sondern es kann auch gezielte Vermarktung von Stärken von behinderten Personen sein. Das Tolle daran ist, dass es nichts mit IV, Sozialamt oder so zu tun hat.»

Kritikpunkt Bürokratie
Das erste Zitat zeigt, dass Unternehmen auch schon schlechte Erfahrungen gemacht haben. Schlechte Erfahrungen nicht nur mit behinderten Arbeitnehmenden selbst, sondern vielfach mit  den aus dieser Beschäftigung resultierenden Schwierigkeiten: zum Beispiel mit Formularkriegen und Vorschriften, bei deren Bewältigung und Umsetzung dem Unternehmer niemand zur Seite stand. Dabei soll nicht unter dem Deckel gehalten werden, dass in der Befragung der Wirtschaftskammer auch die IV-Behörden nicht immer mit den besten Noten bedacht worden sind. Die IV-beschäftigungswilligen Unternehmen monierten gerade bei diesen Amtsstellen mangelnde Unterstützung. Anstatt mit fachlichem und administrativem Support sei man vielmehr mit Vorschriften und Formularen eingedeckt – und dann damit allein gelassen worden.

Auch «normale» Vorurteile
Nicht zuletzt aufgrund dieser Gegebenheiten waren bei den befragten KMU im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Behinderten auch Befürchtungen punkto übermässiger administrativer Zusatzbelastung festzustellen. Diese basieren aber – neben teils eigenen Erfahrungen – vielfach auch auf den heute leider vorhandenen Vorurteilen. Diese sind aber aus Sicht der Wirtschaftskammer sogar als «normal» zu werten sowie als Ausdruck des Bedarfs der KMU nach konkreter und professioneller Unterstützung.

Grosse Bereitschaft
Die realen Ergebnisse der Baselbieter Befragung zeigen, dass ein grosser Teil der Unternehmen zur Integration von behinderten Mitmenschen bereit ist. Die Unternehmen wollen dabei aber nicht allein gelassen und schon gar nicht behindert, sondern vielmehr gezielt unterstützt und gefördert werden.

Aus dem Weg zu räumen sind jedoch die bisherigen – mehrheitlich ideologischen – Vorurteile. Unternehmen, die Behinderte beschäftigen, nehmen in unser aller Interesse eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahr. Dabei benötigen sie eine gezielte Unterstützung und Förderung, denn die Wahrnehmung dieser Aufgabe darf sicher nicht zu einer wirtschaftlichen Benachteiligung dieser Unternehmen führen.

Markus Meier, Vizedirektor Wirtschaftskammer







zurück

Weitere Themen:
28.06.07 - 10:00
Auftrag zum Stauabbau bleibt

28.06.07 - 09:00
Im Schatten der Herbstwahlen ...

25.06.07 - 11:00
Realisieren statt Lamentieren

18.06.07 - 09:00
Wirtschaftskammer mit Volksentscheiden sehr zufrieden

13.06.07 - 14:00
Wirtschaftskammer fordert unverzüglichen Bau der H2

12.06.07 - 08:00
«MwSt-Revision muss KMU entlasten»

30.05.07 - 17:00
Tor zur Welt offen halten – auch für die KMU

16.05.07 - 15:30
KMU-Wirtschaft unterstützt «Eingliederung statt Rente»

10.05.07 - 08:00
Regionale Baubranche in Hochform

05.05.07 - 19:00
Strassenzoll ist ein fataler «Schuss ins eigene Knie»

18.04.07 - 09:00
Tatbeweis statt nur Jammerei

18.04.07 - 09:00
Hilfe! Wir retten mit «Ablasshandel» das Weltklima...

18.04.07 - 09:00
Weitere MWST-Erleichterungen

16.04.07 - 12:00
Unterschriftensammlung für «Bauspar-Initiative» gestartet

27.03.07 - 17:30
Unterschriftensammlung zur Bauspar-Initiative gestartet - Medienkonferenz in Bern

< 1 2 3 4 5 6 7 >
Login «mykmu.org»
   Benutzer:
   Passwort:
Das Wetter in Liestal:
 
stark bewölkt
Aktuelle Temp.: 13 °C
Temperatur Min.: 8 °C
Temperatur Max.: 19 °C
stark bewölkt
zurück nach oben Seite drucken  Seite empfehlen  
AGB FAQ mykmu.org Sitemap Home