Feinstaub? Der Papst ist schuld ...
11.03.07 - 23:00 / Autor: Peter Amstutz, Bern*
Bern - Feinstaub erobert Atemwege und Lungen. Möglicherweise lagert er sich schon in Politikerhirnen ab. Wie seinerzeit beim Waldsterben erobert im Wahljahr 2007 eine eigentliche Feinstaub-Hysterie die Politagenda.

Peter Amstutz. |  |
Aktionspakete und Massnahmenkataloge werden zur Rettung aus höchster Not angepriesen. Dieselmotoren, Holzfeuerungen, das liebe Rindvieh und selbst naturbelassene Feldwege sollen Ursachen des Übels sein. Nur eine Erklärung fehlt nach wie vor: Wie hat es die Menschheit geschafft, mit Feinstaub (PM10) zu überleben, bevor die lungengängigen Kleinstpartikel in der Atemluft gemessen werden konnten?
Der Bundesrat liess am 25. Oktober 2006 die Berner SP-Fraktionschefin Ursula Wyss mit ihrem Ruf (Motion) nach einem «umfassenden Feinstaub-Aktionspaket» wie folgt abblitzen: «Bund, Kantone und Gemeinden haben im Rahmen ihrer Luftreinhaltepolitik seit den Achtzigerjahren bereits eine ganze Reihe von Massnahmen realisiert, die neben einem beträchtlichen Rückgang anderer Luftschadstoffe auch eine Reduktion der Feinstaubbelastung um etwa einen Drittel bewirkt haben.»
Nun nichts mehr tun, wäre trotzdem falsch – aber im Lande der höchsten Grenz- und Alarmwerte besteht absolut kein Grund zu Alarmismus. Auch die grüne Berner VCS-Nationalrätin Franziska Teuscher prallte an bundesrätlicher Gelassenheit ab, als sie «ein einklagbares Recht der Anwohnenden auf Sofortmassnahmen zur Feinstaubreduktion» forderte, «wenn an ihrem Wohnort der Feinstaubgrenzwert häufig überschritten wird».
Mittlerweile wird auch Gegensteuer gegeben. Als Reaktion auf einen «Aktionsplan Feinstaub» gegen Wintersmog (Wo bleibt er eigentlich dieses Jahr?) von Umweltminister Moritz Leuenberger fordern zum Beispiel der Zürcher FDP-Nationalrat Rolf Hegetschweiler sowie dessen Zürcher Fraktionskollege Markus Hutter wissenschaftliche Wirkungsnachweise für neue Luftreinhaltemassnahmen statt «Feinstaub-Aktionismus» wie Cheminéeverbote oder Tempolimiten. Die Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren der Kantone kämen wohl in arge Verlegenheit mit ihrem Feinstaub-Interventionskonzept vom September 2006 ...
Dass das Thema weder abschliessend ergründet noch politisch ausgereizt ist, zeigt folgende Meldung («Saldo» vom 24. 1. 2007) von der Feinstaubfront: «Ein deutscher Klimatologe untersuchte die Luftqualität bei Gottesdiensten an hohen Feiertagen. Dabei fand er einen Feinstaubwert, der dreimal über dem zulässigen EU-Grenzwert lag. Die Quelle der kirchlichen Luftverschmutzung: Weihrauch und russende Kerzen.» Die politische Logik führt zum Schluss: Schuld ist der Papst, und als Sofortmassnahme wird ein Feiertags- und Kirchgangverbot dringlich. Sonst gibt‘s wohl 2007 Jahre nach Christi Geburt für Kirchgänger – trotz Partikelfilter für Dieselautos, Tempolimiten und Cheminée-Feuerverbot – kein Überleben mehr!
* Der Kolumnist ist akkreditierter Bundeshaus-Redaktor und war bis Ende 2003 Leiter der Bundeshaus-Redaktion der Basler Zeitung. Er vertritt in dieser Kolumne seine persönliche Meinung.
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