Was wollen wir eigentlich?
28.03.11 - 06:39 / Autor: Christoph Buser
Am Tag 4 nach der Tsunami- und Fukushima-Katastrophe in Japan titelte das Online-Portal der renommierten Zeitung «Die Zeit»: «In den Apotheken in Deutschland steigt die Nachfrage nach Jodtabletten.» Drei Tage später sah sich auch das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg veranlasst, dringend von der Einnahme von Jodtabletten gegen mögliche Strahlenschäden abzuraten.

Wendepunkt für unsere Energieversorgungsansprüche? Bild Sigtrix-fotolia 
Radikaler Ausstieg heisst auch «radikaler Verzicht» auf viele alltägliche Annehmlichkeiten. Bild Menzl-fotolia |  |
Sinn für Relationen verloren? Erfreut zeigte sich hingegen der Elektronikfachmarkt Conrad. «Die Welt» zitierte online unter dem Titel «Die Deutschen kaufen plötzlich Geigerzähler» einen Firmensprecher: «Es gibt eine immense Absatzsteigerung. Wir haben in den vergangenen Tagen Hunderte Geräte verkauft.» Man mag sich als nüchterner Zeitgenosse fragen, ob man in Europa den Sinn für Relationen völlig verloren habe. Dennoch ist dieses als sinnlose Panik zu bezeichnende Verhalten teilweise erklärbar, wenn man das Medien-Trommelfeuer zu Fukushima nach dem 11. März etwas unter die Lupe nimmt.
E-Medien-Tsunami Vor allem die elektronischen Medien haben sich – geradezu «katastrophensüchtig» – überschlagen: Die deutschen Nachrichtensender «n-tv» und «N24» warfen ihre gewohnte Programmstruktur über den Haufen und brachten praktisch durchgehend 24 Stunden lang nur noch Bilder aus Japan: zunächst über das Erdbeben und den Tsunami, aber rasch einmal fast nur noch über den drohenden GAU in Fukushima. Weil die Nachrichtenversorgung sehr spärlich war, wurden die gleichen Bilder endlos wiederholt, aber durch immer neue Vermutungen, Spekulationen und Einschätzungen von Korrespondenten und von oft genug fragwürdigen «Experten» kommentiert. Die vielen Tausenden von Tsunami-Todesopfern waren kaum mehr ein Thema, die Gefahr der Kernschmelze hingegen, die im Raume schwebte und immer noch schwebt, war omnipräsent. (Völlig aus dem Interesse verschwunden war hingegen während Tagen der Bürgerkrieg in Libyen. Muammar al-Gaddafi hats geschickt genutzt.)
Angststimmung geschürt Wen wunderts, dass auch die Bevölkerung in der Schweiz in Angststimmung versetzt wurde, denn auch unsere Medien – allen voran SRG-Fernsehen und -Radio – sind umgehend auf diesen Katastrophen-Zug aufgesprungen. So erlebte Familie Schweizer am 15. März eine Tagesschau, die weittgehend nur dem Atomreaktor-Unfall in Japan und den GAU-Gefahren in den Schweizer KKW gewidmet war. Dies, nachdem vorher in «Schweiz aktuell» bereits schon ein grosser Teil der Sendezeit höchst besorgt den Gefahren gewidmet worden war, die etwa vom KKW Mühleberg ausgehen könnten. «Pech» für den Reporter vor Ort, dass beim suggestiven Nachfragen bei der Mühleberger Bevölkerung kaum jemand zu finden war, der sich gegen dieses KKW ausgesprochen hat.
«Dämpfende» Fasnacht? Die Reaktionen der Tagesmedien in der Region waren unterschiedlich. Während die eine Zeitung seitenlang in etwa das wiederholte, was tags zuvor bereits über die elektronischen Medien berichtet worden war, hielt sich die andere angenehm zurück. War es die gleichzeitig stattfindende Fasnacht, welche kaum Katastrophenstimmung aufkommen liess? Oder war es die Erkenntnis, dass überzogener «Alarmismus» kontraproduktiv wird?
Wahl-Trittbrett für die Politik Fukushima – und nicht etwa die Tsunami-Opfer – war auch sofort das Agenda-Thema der regionalen und nationalen Politik. Schliesslich stehen Wahlen an. So beherrscht denn immer noch der denkbare GAU die Kommentare aus Politiker-Mündern und die flugs geänderten Partei-Wahlplattformen. Klar, dass jetzt der Ausstieg aus der Kernkraft-Energie ein zentrales Thema werden muss. Für die eine Seite allerdings in Hals-über-Kopf-Manier: Am liebsten gleich alle Werke sofort abschalten – besser heute als erst morgen. Viele Schweizer – medial urängstlich aufgeheizt – sind derzeit ebenfalls der Meinung: Sofort weg mit unseren KKW!
Auf den Alltagskomfort verzichten?
Das eigene Verhalten entspricht jedoch kaum diesem Wunsch. Im Haushalt stehen – jederzeit unbeschränkt verfügbar – der Kino-Flat-Screen, die Kaffeemaschine, der PC, der Geschirrspüler, die Waschmaschine mit Tumbler, der Lift, der Elekroherd mit Backofen, der Kühlschrank mit Tiefkühler usw. Aber auch: täglich duschen, bei kühleren Temperaturen der rasche Griff zum Heizungsthermostaten und bei Hitze zum Air-Condition-Schalter, jeden Tag frische Wäsche, dreimal wöchentlich waschen ... Dieser Komfort, der nur durch eine sichere Stromversorgung möglich wird, hat längst unseren Alltag erfasst. Ebenso selbstverständlich ist auch der sichere Arbeitsplatz in unserer von Elektrizität extrem abhängigen Wirtschaft: angefangen bei den Computerlösungen für die Administration bis zur Fertigung, über die Energieversorgung der Maschinen in Büros, Labors, Werkstätten und Industriehallen bis hin zum Kommunikationsfluss über die Telekommunikationsnetze.
Nichts geht mehr ... Ein Ausfall, aber auch nur schon grössere Störungen im Internet bergen immer mehr die Gefahr, dass sie die gesamte Wirtschaft lahmlegen. Ausserdem: Es ist heute für viele selbstverständlich, ganz bequem nur noch mit Kreditkarten einzukaufen. Wehe, wenn das System auch nur kurz ausfällt (wie kürzlich in regionalen Grossverteilern). Da fällt ein banaler Wochenendeinkauf mangels Bargeld für etliche rasch ins Wasser. Bref: Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt, sich einmal ganz pragmatisch zu überlegen, was eine nicht mehr sichergestellte Stromversorgung bedeuten kann – etwa auch in Erinnerung an die grosse Strompanne bei den SBB im Juni 2005: Nichts ging mehr im Schienenverkehr.
Den Teufel an beide Wände malen Mit anderen Worten: Wer – mit politisch vordergründigen Absichten – zum Atomunfallrisiko in der Schweiz «den Teufel an die Wand malt», müsste dies eigentlich auch zu den Risiken einer nicht mehr gesicherten Stromversorgung tun. So stellt sich bei den Überlegungen zu dieser sicheren Stromversorgung ganz bestimmt zuerst die Frage: Was wollen Herr und Frau Schweizer – was wollen wir alle – eigentlich? Und zu welchen Kosten für jedes einzelne Portemonnaie – zusätzlich zu den ständig steigenden Kosten für die Gesundheit, die Sozialnetze, den Verkehr und erst recht für den Klimaschutz bzw. für den CO2-Abbau?
Das eine tun, das andere aber nicht lassen! Wie schon in früheren «standpunkt»-Ausgaben (Nr. 305 vom 4. März und 307 vom 18. März 2011) festgehalten: Der Ausstieg aus der Kernenergieversorgung soll in Angriff genommen werden und gleichzeitig sollen die Möglichkeiten und Chancen der erneuerbaren Energien konsequent genutzt werden. Ob dies mit Sonnenenergie und Windkraft tatsächlich möglich ist, sei dahingestellt. Es gibt aber – neben der Wasserkraft – deutlich versorgungssicherere Quellen wie etwa Erdwärme (die in unserer Region aus blindem Eifer vorerst «an die Wand gefahren» wurde). Wer diesen Umstieg in einer sinnlosen Hauruck-Übung vollziehen will, handelt jedoch unverantwortlich und kontraproduktiv. Einmal mehr gebietet uns die Vernunft: Das eine tun, aber das andere nicht unterlassen – und dies auch mit der ehrlichen Beantwortung der Grundsatzfrage: Was wollen wir eigentlich – und zu welchem Preis?
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