Graffiti und Tags: Kunst oder Schmiererei?
27.05.09 - 12:28 / Autor: Christian Gentsch KMU Lehrbetriebsverbund BL
Mit Sprayfarben versehene Wände polarisieren zweifellos. Auf der einen Seite stehen die Sprayer, die meist ohne Zustimmung aktiv werden – auf der anderen Seite stehen die Eigentümer, die über die gesprayten Bilder und Zeichen alles andere als erfreut sind und diese meist auf eigene Kosten wieder entfernen müssen bzw. wollen. Christian Gentsch, KV-Lernender im KMU-Ausbildungsverbund Baselland u. U., hat mit zwei Kollegen zu diesem Thema die «Selbständige Arbeit» (SA) geschrieben, welche die Hintergründe und Probleme mit gesprayten Bildern aufzeigt:

Sehenswerte Spray-Kunst in Liestal beim ebl-Parkplatz: die «Hall of Fame» für die hiesige Sprayer-Szene. |  |
Im Rahmen der Lehrabschlussprüfung haben drei Schüler des Bildungszentrums kvBL in Liestal eine selbständige Arbeit über Graffiti geschrieben. Mittelpunkt der Thematik waren die aktuellen Massnahmen gegen Graffiti. Eine Arbeitshypothese wurde in den Vordergrund gestellt, die anhand von Recherchen und Interviews bestätigt wurde. Dank der zwei sehr engagierten Interviewpartner – Nationalrat Hans Rudolf Gysin und ein anonymer Sprayer – konnten die Verfasser eine interessante Gegenüberstellung zum Thema machen. Um eine möglichst objektive Meinung sicherzustellen, mussten sie sich mit allen verschiedenen Parteien, die das Umfeld der Graffiti-Kultur bilden, auseinandersetzen. Dabei wurde in erster Linie eruiert, wer Graffiti bekämpft und auf welche Art und Weise dies geschieht. Agieren (präventiv) oder reagieren (Schutzmassnahmen) die betroffenen Parteien bzw. Instanzen auf die Sprayer und ihre Werke? Und wenn ja: mit welchen Massnahmen?
Worum geht es eigentlich? Die eigentliche Wandmalerei ist schon so alt wie die Menschheit selbst und wurde schon von den Höhlenmenschen praktiziert, wenn auch nicht in dieser Perfektion, aber in ähnlicher Form. Damals wurden Götter, Tiere oder auch Vorkommnisse auf einer Felswand verewigt. Heute haben Graffiti vermehrt einen sozialen, politischen oder idealistischen Ausdruck. Der Begriff «Graffiti» (Sg. Graffito) ist abgeleitet vom italienischen Wort «Sgraffito» bzw. «sgraffiare», was zu Deutsch Kratzputz bzw. kratzen heisst. Es gilt nach heutigem Sprachverständnis auch zu unterscheiden zwischen den sehr aufwändig und meist als künstlerisch zu bewertenden Graffiti und den von der Öffentlichkeit weitestgehend als «Schmiererei» bewerteten «Tags» – verbreitet gesprayte Quasi-Unterschriften bzw. «Reviermarkierungen», die von betroffenen Hauseigentümern (weil unerwünscht) meist mit erheblichem Aufwand wieder entfernt werden. Dazu ist festzuhalten, dass die Graffiti ihren Ursprung in diesen Tags haben, die dann allerdings vergleichsweise rasch zu aufwändig gesprayten Signaturen und Bildern weiterentwickelt worden sind. Die sogenannten «Writer» (Graffiti-Sprayer) oder Künstler sehen sich selber allerdings weniger als Vandalen oder Kriminelle, sondern vereinzelt als Sprachrohr der Gesellschaft, welches die Botschaft in Bildern verbreitet. Natürlich hat nicht jedes Graffito einen tieferen Sinn oder präsentiert eine gesellschaftliche Meinung, aber die neuen Formen von Graffiti, die Schablonen-Graffiti, auch «Stencils» genannt, stellen vermehrt eine Meinung zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema dar, wie dies selbst am Bahnhof Liestal ersichtlich ist.
Massnahmen gegen unerwünschte Spray-Bilder Kanton, Polizei und Bahn haben momentan wenig ausgereifte Massnahmen. Das Problem wird lediglich kaschiert statt gelöst. Es gibt keine Lösungsansätze, die den Dialog oder die Zusammenarbeit mit der Sprayerszene beinhalten. Vielmehr werden immense Summen in schnelle Reinigung und Renovierung der betroffenen Bauten gesteckt. Für das Jahr 2009 hat das Bau- und Verkehrsdepartement BS insgesamt über 760'000 Franken für die Beseitigung von Graffiti an öffentlichen und privaten Gebäuden, Brücken, Tunnels und Kunstbauten budgetiert. Aktionen wie «spray-out» in Basel oder «spray-away» in Baselland, die horrende Summen verschlingen, sind lediglich temporäre Massnahmen, die überwiegend als Retouche dienen. Die SBB verfolgen eine ähnliche Strategie wie Kanton und Polizei. Die Waggons der Bahn gehören zu den beliebtesten Objekten der Sprayerszene, daher gilt diese Form von Graffiti auch als «Königsdisziplin». Um diesen Run zu stoppen, werden die betroffenen Züge innerhalb von 24 Stunden aus dem Verkehr gezogen und gereinigt. Damit erhoffen sich die SBB einen Rückgang des «Trainbombing» (Besprühen von Zügen), weil sich somit der Aufwand für den Sprayer weniger lohnt.
Was hat sich bewährt? In ganz Europa haben Städte die gleichen Probleme mit Graffiti und Tags. Aber die Massnahmen unterscheiden sich gänzlich. In viele deutschen Städten, wie zum Beispiel in Berlin oder in Hamburg, wurden sogenannte «Halls of Fame» eingerichtet bzw. stehen gelassen. «Halls of Fame» sind meist alte Industrieareale oder Wohngebäude, die ausgemustert wurden und vor dem Abriss standen. Anstatt sie abzureissen, wurden sie erhalten und der Graffiti-Szene überlassen. Jeder Sprayer kann so «legal» seinen künstlerischen Fähigkeiten freien Lauf lassen und sich verwirklichen. Diese Orte sind durch ihre Atmosphäre und Eindrücke sicherlich die authentischsten «Kunstgalerien», weil sie gleichzeitig Ausstellungsräume und Werkstätten der Künstler sind, die sich stetig wandeln. In anderen Städten wurden vereinzelt öffentliche Wände für die freie Gestaltung freigegeben, um den Künstlern eine legale Plattform zu bieten und damit die illegalen Delikte etwas einzudämmen. Auch in der Schweiz sind ähnliche Areale zu finden, wie zum Beispiel der Graben auf dem EBL-Areal in Liestal, der besser bekannt ist unter dem Namen «s’Loch». Dies ist schon seit Jahrzehnten ein Platz für die etwas unbeliebte Kunstform und von der Bevölkerung eher geduldet als erwünscht.
Der kleine grosse Unterschied Nationalrat Hans Rudolf Gysin, Direktor der Wirtschaftskammer Baselland, beurteilt die unbestreitbare Problematik zwischen Eigentümern und Graffiti-Künstlern recht differenziert: «Ich unterscheide ganz klar zwischen Graffiti mit einem durchaus künstlerischen Wert und den widerlichen Tags, mit denen ungefragt und damit illegal – zum Schaden der Besitzer bzw. Bewohner – Wände versprayt werden.» Dennoch greifen für Gysin die Massnahmen nur bedingt. «Bussen können allenfalls eine Hemmschwelle gegen Tagger sein. Unter dem Strich hat er grundsätzlich kein Problem mit Graffiti, sofern sie bewilligt sind. «Die Wandmalerei hat durchaus einen künstlerischen Wert, jedoch gibt es grosse Qualitätsunterschiede», so der Direktor der Wirtschaftskammer Baselland.
Heroisches Ansehen in der Szene Erwischte Tagger genossen während des Hypes der Taggerei, heroisches Ansehen in der Szene. Daher sind laut Hans Rudolf Gysin Bussgelder keine langfristige Lösung, weil sie für die Tagger bzw. Sprayer eine zu kleine Hemmschwelle darstellen. Er würde anstelle von Bussen im Übrigen eher persönliche Arbeitseinsätze mit sozialem oder wirtschaftlichem Hintergrund einführen. Darüber hinaus sollten die gesamten Entfernungskosten vom Verursacher getragen werden.
Sprayer im Clinch mit der Gesellschaft «Die Massnahmen für Graffiti-Delikte greifen nicht, weil sie am falschen Ort eingesetzt werden und zu wenig auf die ganze Kultur dieser Kunstform eingegangen wird.» So die Haltung des befragten anonymen Sprayers. Seiner Ansicht nach fehlt das Verständnis für die Szene. Riesige Geldsummen würden für das Beseitigen von künstlerisch hochstehenden Graffiti ausgegeben, «Schmierereien» wie Tags liesse man hingegen stehen. Durch die fehlende Sensibilisierung der Gesellschaft werde die Kluft zwischen Sprayern und der Bevölkerung immer grösser. Die heutigen Massnahmen seien für den Befragten nicht zeitgemäss, ohne Hintergrundwissen und Konsens.
Graffiti sind eine unbezwingbare Kultur Auf die Frage: «Denken Sie, die Anzahl Graffiti-Delikte hat in den letzten Jahren eher zu oder abgenommen», konnte der Sprayer eine sehr interessante Aussage machen: «Graffiti sind keine Modeerscheinung, sondern eine Kultur, die vor Leben strotzt […]. Zu- oder Abnahme: Das ist keine Frage. Der Mond scheint auch nicht immer in seiner vollen Pracht, es ist ein Zyklus, ein lebendiges Feld, daher vielleicht auch so komplex, erfolgreich und unbezwingbar bzw. resistent gegen einfältige Verbote und Massnahmen.» Damit wolle er bekräftigen, dass man die Graffiti-Bewegung nicht beurteilen könne, weil sie keine Trend-Erscheinung sei, die wieder verschwinde. «Graffiti sind eine Form zu leben, sich zu verständigen und sich auszudrücken. Die Bewegung kann nicht bekämpft oder eingedämmt, sondern nur verstanden werden.»
Fazit: Kampf statt Dialog Die Recherchen konnten keine Trendwende in der Graffiti-Szene bestätigen. Die Anzahl Graffiti-Delikte im Kanton Basel-Stadt schwankt von Jahr zu Jahr, aber weist keine Tendenz auf. (Baselland führt keine separate Statistik über Graffiti-Delikte.) Die gegenwärtigen Massnahmen wirken sich aus wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Sie sind reine Symptombekämpfung, denn Bilder sind meist schneller gemalt als beseitigt. Es müssen neue Wege eingeschlagen werden. Schon zu lange verweilt die Gesellschaft in dieser Sackgasse, in welcher Kampf statt Dialog herrscht. Dabei gibt es genügend Beispiele, wo die Wandmalerei akzeptiert und geschätzt wird, wo Graffiti sich in die Umgebung und die Gesellschaft einfügen, wo das Sprayen als Bereicherung und nicht als willkürlicher Akt des Vandalismus betrachtet wird.
Tags, nicht Graffiti bekämpfen Ein grosses Problem, das die Graffiti-Kultur mit sich bringt, sind zweifellos Tags. Diese etwas primitive Form von Graffiti sollte in den Mittelpunkt der Bekämpfung gerückt werden, da sie mit Sicherheit am meisten Reinigungskosten verursacht. Wie bereits betont: Es werden riesige Geldbeträge für das Beseitigen von Graffiti ausgegeben, aber Tags werden stehen gelassen, obwohl der künstlerische Unterschied offensichtlich ist.
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