«Wollen wir im globalen Wettbewerb bestehen, müssen wir uns reformieren»

«Wollen wir im globalen Wettbewerb bestehen, müssen wir uns reformieren»

Christian Lindner, Ex-FDP-Vorsitzender und ehemaliger Bundesfinanzminister über Finanzpolitik und notwendige Massnahmen. Lindner ist Speaker am Tag der Wirtschaft am 20. November in der St. Jakobshalle.


Standpunkt: Herr Lindner, Sie treten im November am Tag der Wirtschaft in Basel auf. Mit welcher zentralen Botschaft kommen Sie ans Rheinknie?

Christian Lindner: Europas Tempolimit liegt nicht nur auf der Strasse – sondern in den Amtsstuben von Brüssel, Berlin und, ja, auch in Bern. Wer angesichts geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheit nur nach Washington oder Peking zeigt, verkennt: Viele der strukturellen Bremsen Europas sind hausgemacht. Wenn wir im globalen Wettbewerb mit Amerikas Innovationskraft und Chinas strategischer Entschlossenheit bestehen wollen, müssen wir vor allem eines: uns selbst reformieren.

 

«Europa bremst» lautet das Motto der Veranstaltung. Was läuft Ihrer Meinung nach im europäischen Getriebe besonders zäh?

Wenn fast 90 Prozent der deutschen Familienunternehmen sagen, dass die Bürokratie infolge von EU-Entscheidungen in den letzten zwei Jahren zugenommen hat – und jeder Zweite diesen Anstieg sogar als «stark» bezeichnet –, ist der Befund eindeutig. Hinzu kommt die weiterhin hohe Fragmentierung des Binnenmarkts. Sie hemmt Investitionen, verzögert Innovation und verhindert Skalierung. Nationale Genehmigungsprozesse blockieren Fortschritt. Das ist ein handfester Standortnachteil im globalen Wettbewerb.

 

Wie kann Europa wirtschaftlich wieder durchstarten – ohne sich in Regulierungen zu verlieren?

«Economy First statt Green Deal» – diesen Titel der WirtschaftsWoche mache ich mir gerne zu eigen. Unter Ursula von der Leyen brachte die Kommission rund 6300 Rechtsakte auf den Weg – mehr als drei pro Tag und fast doppelt so viele wie unter ihrem Vorgänger. Angesichts der globalen Lage reicht also keine kosmetische Korrektur. Es braucht einen echten Kurswechsel. Der Abbau überbordender Berichtspflichten und bürokratischer Hürden kann nur der Anfang sein.

 

Die Schweiz ringt seit Jahren mit der EU-Frage. Ist mehr europäische Integration heute wirklich klug?

Dort, wo Integration unsere Schlagkraft stärkt – ja. Eine Kapitalmarktunion ist zwingend erforderlich. Viele Herausforderungen sind heute schlicht zu gross für nationale Antworten. Ob bei Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit oder Migrationsordnung: Wer Probleme lösen will, muss europäisch denken. Andernfalls bleiben sie ungelöst.

 

Deutschland wie die Schweiz sind stark exportabhängig. Wo besteht der grösste Handlungsbedarf für mehr wirtschaftliche Resilienz?

Marktdiversifizierung ist heute kein strategischer Luxus mehr, sondern Notwendigkeit. Gerade für Volkswirtschaften mit starker US- und EU-Ausrichtung. Globale Unsicherheiten verlangen breitere Absatzmärkte und robustere Lieferketten.

 

Wenn Mittelständler unter Steuern, Bürokratie und Fachkräftemangel leiden – was bleibt dann vom Rückgrat der Wirtschaft?

Zu wenig. Und das erklärt den Handlungsdruck. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland arbeitet in KMU – das ist das wirtschaftliche Fundament des Landes. Es darf nicht durch vermeidbare strukturelle Fehlsteuerungen gefährdet werden. Gleichzeitig gilt: Unternehmerische Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Nicht jedes Problem entsteht im Ministerium.

 

Elektrifizierung mit erneuerbaren Energien gilt als Schlüsselstrategie im Kampf gegen den Klimawandel – doch es droht Strommangel. Was braucht es für Versorgungssicherheit?

Ein breites, diversifiziertes Energieangebot – technologisch wie geografisch. Nur so sichern wir die Versorgung aller: Industrie, Mittelstand, Dienstleistungen und Haushalte. Versorgungssicherheit bei der Energie ist die neue harte «Standortwährung».

 

Die neuen US-Zölle sorgen für Unruhe, auch in der Schweiz. Müssen wir uns auf ein Jahrzehnt des Protektionismus einstellen?

Nein. Aber wir müssen uns auf eine neue Realität einstellen. Die ehemals wertegeleitete US-Handelspolitik ist einem nüchternen, transaktionalen Pragmatismus gewichen. Das heisst aber nicht, dass wir passiv bleiben müssen. Wer seine Interessen kennt und selbstbewusst vertritt, hat Gestaltungsspielraum.

 

Ukraine, Nahost, China – Wirtschaft findet im Krisenmodus statt. Wie geht man mit einer Welt voller Dauerkrisen um?

Diese Welt verlangt neue Tugenden: Antizipation, Anpassungsfähigkeit, robuste Lieferketten und kluge Risikostreuung. Zugleich bietet unsere Ordnung Stabilitätsvorteile: Verlässliche Rahmenbedingungen, funktionierender Rechtsstaat – das sind weiche Standortfaktoren mit harter Wirkung. Deutschland, die Schweiz und die EU müssen genau diese Vorteile gezielt ausspielen.

 

Sie lehnen eine europäische Schuldenunion ab. Gleichzeitig fordern viele massive Zukunftsinvestitionen. Wie passt das zusammen?

Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, Investitionen seien in erster Linie Aufgabe des Staates. Die EU wurde als Binnenmarkt gegründet, auf Vertrauen in Eigenverantwortung, Innovationskraft und wirtschaftliche Freiheit. Daran sollten wir anknüpfen.

 

Sie stehen für solide Haushalte, aber auch für Fortschritt. Wie bringt man beides unter einen Hut?

Indem der Staat sich auf das Wesentliche konzentriert: Erstens: Wirtschaftswachstum ermöglichen, denn das finanziert den gesellschaftlichen Fortschritt. Zweitens: Investitionen in Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung. Drittens: Sicherheit, innen wie aussen.

 

Liberale Finanzpolitik steht oft in der Kritik, soziale Fragen zu vernachlässigen. Was entgegnen Sie solchen Stimmen?

Nein, im Gegenteil: Soziale Gerechtigkeit hat zwei Seiten. Einerseits Solidarität mit Bedürftigen. Niemand soll nach einem Schicksalsschlag ins Bodenlose fallen. Andererseits sollte jeder Solidarität nur so lange und so weit wie nötig in Anspruch nehmen. Vergessen wir bitte nie, dass jede Sozialleistung des Staates dadurch finanziert wird, dass jemand von seinem erarbeiteten Einkommen etwas abgibt.

 

Viele KMU fragen sich: Wie bleibt man wettbewerbsfähig, ohne auf Subventionen zu hoffen?

Durch eigene Produktivitätsfortschritte. Die Schweiz zeigt im Vergleich zu Deutschland eindrucksvoll, wie das gelingen kann. Der starke Franken wirkt dabei wie einst die D-Mark als Produktivitätspeitsche. Er zwingt zu Effizienz und Innovation. Doch klar ist auch: Produktivität lässt sich nicht verordnen, sie ist Aufgabe der Unternehmerinnen und Unternehmer.

 

Interview: Mischa Hauswirth

Fr. 5. September 2025