Standpunkt: Herr Regazzi, US-Zölle, Krisenstimmung in Deutschland, wachsender Einfluss der EU – wie ist gerade die Stimmung bei den Schweizer KMU?
Fabio Regazzi: KMU sind Aufstehmännchen. Sie sind sich gewohnt, auf Krisen und Unvorhergesehenes zu reagieren. Aber natürlich, Sie haben Recht: US-Zölle, die keine Planbarkeit bringen, Regulierungswut in Europa und in der Schweiz, die Finanzierung der 13. AHV über eine unbefristete Mehrwertsteuer sowie neulich das Institut für Geistiges Eigentum, das eine Praxisänderung zu Ungunsten der KMU verhängt hat, denn das Schweizerkreuz darf neu auch auf im Ausland gefertigten Produkten verwendet werden. Das sind keine guten Nachrichten für die KMU. Darum auch haben wir eine Petition lanciert. Schön, wenn möglichst viele diese Online-Petition unterschreiben werden. (Sie finden die Online-Petition auf der sgv-Website, A.d.R.).
Und welche wirtschaftspolitische Baustelle in der Schweiz macht Ihnen zurzeit am meisten Sorgen?
Die Sanierung der Vorsorgewerke ist ein Problem, und dennoch reden wir über die Finanzierung der 13. AHV-Rente. Auch der IV geht es nicht gut. Die Gewerkschaften möchten sich nun in der Pensionskasse bedienen – so geht das nicht. Das Schweizer Fundament baut auf starken Sozialwerken. Eben habe ich die Nachricht gelesen, dass es in der Schweiz mehr Personen über 65 gibt als Junge. Wir haben viel zu tun. Vor allem muss die Sanierung der AHV als Gesamtprodukt analysiert werden.
Die Schweiz lebt von Innovation und Unternehmertum. Wo droht sie im internationalen Vergleich den Anschluss an andere Standorte zu verlieren?
Die Frage müsste vielmehr lauten: Wie werden wir noch besser und sichern unsere Standortvorteile? Für mich sind vier Punkte entscheidend: weniger Regulierung, offene Märkte, ein flexibler Arbeitsmarkt und eine starke Berufsbildung. Wir müssen unnötige Bürokratie abbauen, Freihandelsabkommen vorantreiben und den liberalen Arbeitsmarkt bewahren. Gleichzeitig müssen wir Schweizer Qualität und Swissness stärken. Und wir müssen die Berufslehre als Erfolgsmodell weiterentwickeln, damit wir genügend gut ausgebildete Fachkräfte haben.
Die grösste Diskrepanz sehe ich dort, wo die Politik von Entlastung spricht, die Unternehmen aber im Alltag immer mehr Regulierung und administrative Belastungen erleben. Die KMU brauchen keine weiteren Versprechen, sondern spürbare Verbesserungen: weniger Bürokratie, mehr Freiraum und verlässliche Rahmenbedingungen.
Die zunehmende staatliche Regulierung und Bürokratie sind ein Dauerthema bei den KMU. Warum tut sich hier aus Unternehmersicht so wenig?
Wir konnten jüngst einen Erfolg im Parlament verzeichnen. Der Bundesrat muss eine Vorlage zur KMU-Regulierungsbremse ausarbeiten. Zudem: Das Unternehmensentlastungsgesetz legt die Regulierungsfolgekostenabschätzung als verpflichtendes Element jeder neuen Vorlage fest. Es regelt die systematische Überprüfung und Reduktion von Regulierungskosten für Unternehmen und verpflichtet den Bund, die Auswirkungen neuer Regelungen auf Unternehmen zu prüfen und Optimierungen in der Verwaltungspraxis vorzunehmen. Das ist insbesondere für die KMU immens wichtig. Das Gesetz bringt die Digitalisierung der Verwaltung weiter. Damit leistet es einen Beitrag zur Senkung unnötiger Regulierungskosten und fokussiert dabei auf bestehende Regulierungen.
Der Hitzesommer hat auch viele KMU vor Herausforderungen gestellt. Welche Anpassungen sind hier nötig, um für künftige solche Ereignisse besser gewappnet zu sein?
Lassen wir die Unternehmen selbst mehr machen, statt jedes Detail vorschreiben zu wollen. Die hohe bürokratische Belastung der KMU muss abgebaut werden. Gleichzeitig brauchen wir den erleichterten Marktzugang zu anderen Ländern und bessere Rahmenbedingungen für Fachkräfte.
Was wird am Tag der Wirtschaft der Wirtschaftskammer Baselland Ihre Kernbotschaft sein?
Die Schweiz darf ihren Vorsprung nicht verwalten – sie muss ihn aktiv verteidigen.