«Längere Arbeitszeit ist sinnvoll»

«Längere Arbeitszeit ist sinnvoll»

Lars P. Feld ist einer der renommiertesten deutschen Ökonomen. Am Tag der Wirtschaft tritt er als Speaker auf und beleuchtet die aktuelle wirtschaftliche Situation in Europa.

Deutsch­land kämpft um den wirtschafts­politischen Kurs. Was braucht es, damit das Land wieder zum europäischen Wachstumsmotor wird?

Lars P. Feld: Die aktuelle Wachstums­schwäche ist kein konjunkturelles Phänomen. Deutschland braucht dringend Strukturreformen. Private Investitionen sind sehr schwach. Unternehmen investieren kaum mehr in Deutschland, weil die Kos­ten zu hoch sind. Das gilt für die Arbeits- und Energiekosten, die Steuerbelastung und die Regulie­rungsintensität. In allen vier Berei­chen sind daher dezidierte Reformen nötig. Die Bundesregierung ist da­hingehend zu zögerlich.

Die deutsche Schuldenbremse wurde gelockert. Schafft das mehr finanziellen Spielraum zur Lösung der Probleme – oder werden not­wendige Reformen nur vertagt?

Notwendige Reformen werden eher vertagt. Dadurch läuft Deutschland Gefahr, mittelfristig nur ein schwa­ches Wirtschaftswachstum zu erzie­len. Hingegen steigen die Verschul­dung und die Zinsen. Die Staats­schuldenquote wird in kurzer Zeit auf rund 80 Prozent ansteigen. In zehn Jahren sogar auf rund 90 Pro­zent. Das ist ein toxisches Gemisch.

Deutschland gehört zu den Hoch­steuerländern. Wie stark belastet das den Wirtschaftsstandort?

Die Belastung ist für Unternehmen enorm, obwohl die Bundesregierung im Jahr 2025 bereits eine Reform der Körperschaftsteuer mit beschleunig­ter Abschreibung und perspektivisch ab dem Jahr 2028 sinkenden Steuer­sätzen beschlossen hat. Der Über­gang von einer linearen zu einer de­gressiven Abschreibung ist noch kei­ne nachhaltige Verbesserung der Standortqualität und die später sin­kenden Steuersätze kommen eben spät und zögerlich. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen in Deutsch­land als Personengesellschaften geführt werden. Die aktuellen Vorschläge für eine Einkommen­steuerreform führen für diese Unter­nehmen zu einer höheren Belastung. Schliesslich sind die permanenten Debatten um eine Verschärfung der Erbschaftsteuer ebenfalls alles ande­re als hilfreich für private Investoren.

Renten, Gesundheit und Pflege werden wegen der Alterung immer teurer. Was bedeutet das für den heutigen europäischen Sozialstaat?

In der gegenwärtigen Ausgestaltung sind viele europäische Sozialsyste­me nicht finanzierbar. Dies gilt vor allem für Deutschland und Frank­reich. In vielen kleineren europäi­schen Staaten, vor allem in Skandi­navien, den Niederlanden oder der Schweiz ist der Sozialstaat hingegen deutlich besser und finanziell robus­ter ausgestaltet.

Werden die Menschen in Europa künftig länger und mehr arbeiten müssen?

Bezogen auf die Lebensarbeitszeit bin ich fest davon überzeugt. Die Lebenserwartung hat sich bereits er­höht und wird noch weiter steigen. Zudem ist davon auszugehen, dass die Menschen im Alter länger gesund bleiben. Dann ist eine län­gere Lebensarbeitszeit sinnvoll und vertretbar. Vor allem ist es wichtig, die Vielzahl von Frühverrentungs­systemen zu streichen.

Sie vertreten die Freiburger Schule der Ordnungsökonomik. Greift der Staat zu stark in die Wirt­schaft ein?

Auf jeden Fall. In Deutschland ha­ben sich die Subventionen und Steuervergünstigungen in den ver­gangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Mindestpreise, Preis­deckel oder Höchstpreise, also regulatorische Preisfestlegungen, nehmen immer stärker zu. Ver­staatlichungen werden salonfähig. All das Teufelszeug, das mühsam seit den 1980er Jahren zurückge­drängt werden konnte, ist wieder in ungeahntem Ausmass präsent.

China, die USA und zunehmend auch Indien wetteifern um die globale Führungsrolle. Was bedeutet dieser Machtkampf für Europa und Deutschland?

Aus europäischer Sicht darf man diese drei Staaten nicht in einen Topf werfen. China befindet sich als Rückgrat der chinesisch-russischen Achse in einem geo­politischen Konflikt mit dem Wes­ten. Hier wird Europa klare Gren­zen ziehen müssen, damit daraus kein bewaffneter Konflikt ent­steht. Dass der Westen wegen des zunehmenden Isolationismus und Protektionismus der USA nicht geeint zusammensteht, ist für China und Russland ein gefunde­nes Fressen. Die USA sind ein schwieriger Partner, aber noch immer ein Partner. Indien schickt sich an, zu einem wirtschaftlich wichtigeren Partner Europas zu werden. Der Handelsvertrag der EU mit Indien ist ein essenzieller Baustein dafür.

Als Handelspartner Nummer eins für die Schweizer KMU ist Deutschland sehr wichtig. Müssen sich Schweizer KMU auf anhaltende wirtschaftliche Schwäche Deutschlands einstel­len – oder ist eine Trendwende in Sicht?

Noch ist die Trendwende nicht in Sicht. Trotz des zuvor Gesagten bin ich jedoch zuversichtlich, dass Deutschland es schafft, das Ruder herumzureissen.

Die Schweiz hat seit über 20 Jahren eine Schuldenbremse. Was kann Deutschland aus den Schweizer Erfahrungen lernen?

Deutschland könnte feststellen, dass man eine niedrige Staatsverschul­dung mit einer vorzüglichen Infra­struktur und solidem Wirtschafts­wachstum bei relativer Preisstabilität erreichen kann, wenn man eine ver­nünftige Wirtschaftspolitik betreibt. Dazu müsste der Einfluss von Inte­ressengruppen aus dem gesamten politischen Spektrum zurückge­drängt werden und der Umvertei­lungsfetischismus enden.

Fr. 16. Oktober 2026